Was für eine hirnvernagelte Idee ist bitteschön ein Roboterhund? Das Faszinierende ist doch jeweils diese einzigartige Persönlichkeit der Tiere, nie zu imitieren von einer Maschine. Und außerdem: Es gibt genügend Hunde, die ein Zuhause suchen. Das war das vernichtende Urteil über „Jennie“ vor exakt einem Jahr, der kalifornische Konzern Tombot hatte sie auf der Technikmesse CES in Las Vegas präsentiert. Mittlerweile sind zwei Dinge passiert: Eine 96 Jahre alte Nachbarin hat gesagt, dass sie so gerne einen Hund hätte. Keinen Spaziergang-Marathonläufer. Ein Schoßhündchen zum Streicheln und Kuscheln. Aber natürlich wisse sie auch, dass das in ihrem Alter und mit ihren Einschränkungen – keine Sorge, die junge Frau badet noch im Ozean – unverantwortlich sei, gerade dem Tier gegenüber.
Zweite Sache dann auf der Prä-Messe-Presseshow der CES in diesem Jahr: Die Ankündigung, dass Jennie in diesem Jahr erhältlich sei, und zwar mit dem Slogan „Der Hund für Leute, die keinen haben können“. Keinen Hund haben können? „Meine Mutter litt an Demenz und musste ihren geliebten Hund hergeben. Ich habe nichts Adäquates gefunden, also habe ich selbst getüftelt“, sagt Erfinder Tom Stevens über das Geschöpf, das einem etwa acht Wochen alten Labrador-Baby nachempfunden ist. Nicht nur optisch, dafür hat das Designstudio des legendären „Muppets“-Erfinders Jim Henson gesorgt. Auch am Verhalten, aus therapeutischen Gründen. „300 Millionen Menschen leiden an einer Form von Demenz“, sagt Stevens. Seine Jennie sei die bedenkenlosere Variante zum Haustier, auch bei Therapie oder Traumaverarbeitung.

Kaufpreis von Mitte des Jahres an, es gibt 20 000 Vorbestellungen: 1500 Dollar. Man sollte die Nachbarin anrufen und ihr mitteilen, dass das mit dem tierischen Begleiter vielleicht doch zu ändern sei.
Das wirklich Faszinierende an der CES: welche Ideen und Produkte entwickelt werden – und welche nicht. Negativbeispiel, 2015: Man wurde vom selbstfahrenden Audi aus Silicon Valley nach Las Vegas gebracht, der damalige Audi-Vorstand Ulrich Hackenberg prognostizierte der SZ beim Spaziergang über den Strip: „Ende 2016 werden diese Systeme in unseren Fahrzeugen zu finden sein.“ Man war regelrecht beseelt, zumal Tesla-Chef Elon Musk auf diese Prognose noch eins draufsetzte mit seiner Ankündigung, von 2017 an vollständig selbstfahrende E-Autos zu produzieren. 2026 muss man fast alle Autos immer noch selbst steuern. Auf der CES steht dafür in diesem Jahr eine komplette Halle, in der es nur darum geht, dass das mit selbstfahrenden Autos bald was werden wird.
CES-Produkte werden teils seit einem Jahrzehnt angekündigt
Es stellt sich also die Frage: Gibt’s auf der Konsumenten-Elektronik-Show auch mal Konsumenten-Elektronik zu sehen? Und zwar etwas, das man jetzt oder wenigstens in diesem Jahr kaufen kann?
Ja, gibt es. Und zwar tatsächlich Dinge, bei denen sinnvoller Einsatz künstlicher Intelligenz jeweils so ins Produkt integriert ist, dass es bald nicht mehr auffallen wird. Das große CES-Wort: Physical AI.
Der Flow 2 von Narwal zum Beispiel, erhältlich von April an zu einem noch unbekannten Preis. Kreisrunder Staubsauger wie der legendäre Roomba – nur kann das Nachfolgemodell des Flow nicht nur saugen und wischen, sondern auch verlorene Gegenstände finden. Es scannt den Boden nach Schlüsseln, Geldbeuteln, Schmuck, bleibt auf Nicht-einsaugen-Distanz und schickt dem Besitzer Foto und Fundort aufs Handy. Funktioniert übrigens auch mit Spielzeug der Kinder – doch bevor gestresste Eltern erleichtert ausatmen: Man kann Flow bislang nicht gezielt nach einem bestimmten Spielzeug suchen lassen. Was man tun kann: nach dem Haustier suchen lassen, wenn man gerade nicht daheim ist – und die Lieblingsstellen, meist jene mit viel Fell, automatisch erkennen und besonders gründlich reinigen lassen.
Oder Open Note, Kopfhörer von Viaim mit Chat-GPT-Software von KI-Konzern Open AI, für 175 Dollar erhältlich. Der Hersteller verspricht Simultan-Liveübersetzung in 20 Sprachen, selbst während Videokonferenzen. Was er zusätzlich verspricht: Lösung für die Momente, in denen man ein Königreich gegen Stift und Papier oder wenigstens den Handy-Notizmodus tauschen würde. Beim Einschlafen etwa, und da sollen die wegen des Designs kaum wahrnehmbaren Kopfhörer auch Diktiergerät sein. Es zeichnet das Gesprochene auf und schickt es per Bluetooth an den Computer, wo es transkribiert wird.

Die Aufnahmefunktion versprechen andere Firmen auch, Bee oder Anker etwa, jeweils mit anderem Alleinstellungsmerkmal. Das des Notepin S von Plaud: Knopf, den man sich per Magnet zum Beispiel ans T-Shirt klemmen kann. Durch Drücken ordnet man ein Gespräch oder Meeting live zwischen wichtig und nicht so wichtig ein – die KI lässt diese Gewichtung in die Zusammenfassung einfließen. Die des AI Mind Clip von Switchbot laut Hersteller: ein „zweites Gehirn“ sein. Den Träger also an möglicherweise wichtige Details von Gesprächen erinnern, die der sonst vergessen hätte. Klingt ein bisschen gruselig, weil man dem Gerät dafür die Aufnahme vieler Gespräche erlauben müsste – man weiß ja nicht, welches Detail später mal relevant sein wird. Erscheinungsdatum und Preis fehlen aber noch, ist also erst einmal irrelevant.
Apropos Switchbot: Der Smarthome-Gigant stellt heuer mehr als 40 Produkte vor. Darunter auch jenes, das hier für alle Fragwürdigkeiten stehen soll, von denen auf der CES immer unermesslich viele gezeigt werden: der AI Art Frame für 150 Dollar, bereits erhältlich. Man lädt ein Foto hoch und wünscht sich eine Stilrichtung oder Epoche; es erscheint ein AI-Gemälde. Ähnlich funktioniert das Gerät von Fraimic mit Open-AI-Software, für 400 Dollar von Mitte des Jahres an – nur sollen da die Gemälde nach Sprachwünschen der Kunden entstehen. Wer mal versucht hat, bei Chat-GPT Kunstwerke zu erstellen, dürfte urteilen: Vielleicht eher was für 2030. Vielleicht irrt man sich auch.
Das Ziel: KI, die nur da ist, wenn man sie wirklich braucht
Deshalb zurück zu 2026 und: den tragbaren Lautsprechern xboom von LG und Musiklegende Will.i.am, die aus jedem Lied den Gesang filtern sollen für Karaoke-Partys, Zieltermin: Jahresende. Oder, die Neunziger sind eh mega-hip: Clicks Power Keyboard für 79 Dollar; ein magnetisches Handy-Ladegerät mit ausziehbarer Tastatur wie beim Blackberry oder Nokia E7-00. Oder, was für ein glorreicher Name: Yumshare Daily Feast AI Wet Food Feeder. Hersteller Petkit verspricht, im April das erste Gerät anzubieten, in dem Nassfutter für Katzen aufbewahrt und automatisch gefüttert wird. Über mehrere Tage sowie mit der Kamera-KI-Funktion, Essverhalten mehrerer Katzen individuell zu überprüfen und Warnungen an die Besitzer zu schicken.
Mit den größten Andrang am ersten Tag gibt es am Premierentag beim Stand des Mui Board von japanischen Tüftlern. Als Kickstarter-Produkt gab es das schon 2019, seitdem kamen jedes Jahr Ankündigungen für die zweite Generation des eigenartigen Möbelstücks: ein knapp 60 Zentimeter langes und acht Zentimeter hohes Stück Holz, das – wenn nötig – zum Smarthome-Display werden soll. „Ganz bald“, hieß es jedes Jahr, was man ab 2023 für einen Übersetzungsfehler (siehe KI-Kopfhörer) hielt; sie mussten „Nie kommt das raus“ meinen. Jetzt, Januar 2026, eine Erfolgsmeldung: das Mui Board Gen 2 ist erhältlich. Es ist nach wie vor ein knapp 60 Zentimeter langes und acht Zentimeter hohes Stück Holz – über das man die komplette Wohnung, das komplette Haus steuern kann.
Es kann mit quasi jedem Gerät verknüpft werden, es kann E-Mails abrufen oder den nächsten Tag per Kalender planen. Bedient man es, zum Beispiel zum Malen mit Glitzer-Zauberschrift, fühlt man sich wie Harry Potter. Bedient man es nicht, ist es lediglich ein minimalistischer Holzbalken im Wohnzimmer. Im Grunde ist dies das Produkt auf der CES, das alle sein wollen: KI, die wie von Zauberhand erscheint und dem Menschen hilft – und sich wortwörtlich aus dem Staub macht, wenn man seine Ruhe will. Nur, und das macht das Mui Board derart besonders: Dieses Kunststück gelingt auf der CES 2026 noch sehr, sehr selten.
