Roncalli-Zirkus: Atemberaubende Akrobatik im Berliner Tempodrom

Das Theater kommt vom Zirkus her. Besser gesagt vom Zirzensischen. Das, was Menschen einmal erwarteten, wenn sie „ins Theater“ gingen, das hatte mehr mit Körper und Wettkampf zu tun als mit Psychologie und Naturalismus. Immer wieder hat es in der Theatergeschichte Ver­suche gegeben, die Wege wieder zusammenzuführen, ein von balinesischen Spieltraditionen inspiriertes „Theater der Grausamkeit“ zu entwickeln oder im Clown eine seelische Schlüsselfigur der Moderne zu entdecken. Aber auch in jüngerer, postdramatischer Zeit sind zirzensische Spuren wahrnehmbar, selbst wenn sie von einem Konfettiregen überdeckt werden: Wer Performances von She She Pop oder Wunderbaum sieht, dem steigt durchaus Manegegeruch in die Nase.

Mutige Menschen

Wobei die Manege von heute schon lange nicht mehr die von gestern ist. Kein Sägemehl, kein Elefantendunst, keine Tiere. Wer heute in Deutschland in den Zirkus geht, der sieht keine Tiger mehr durch Reifen springen. Der hört keine zischenden Riesenpythons, und der streichelt in den allermeisten Fällen auch keine Kamele mehr. Aber dafür bekommt er das Außergewöhnlichste zu sehen, was diese Welt zu bieten hat: mutige Menschen.

Weihnachtscircus Roncalli, letzte Vorstellung im Berliner Tempodrom. Knapp tausend Besucher drängen sich in das versteinerte Zirkuszelt. Seit 2004 gastiert der legendäre Zirkus, über den es in der ARD-Mediathek gerade eine mitreißende Dokumentarserie zu sehen gibt, dort über die Weihnachtsferientage und bietet ein von Gründer Bernhard Paul konzipiertes Programm aus Artistik, Komödiantentum und Mutprobe. Wobei die Mutprobe das dominierende Thema der Vorstellungen ist. Schon gleich zu Beginn tänzelt eine junge Russin auf dem Hochseil und versetzt das Publikum unten in jenen außergewöhnlichen Gemütszustand aus Angst und Faszination, den im (insbesondere eisglatten!) Alltag nur die Gaffer bei schweren Autounfällen kennen.

Dann steigt die metaphorische Blut-Lust

Eliza Khachatryan, so heißt die mutige Frau, die zunächst ein Studium der Psychologie absolvierte. Vielleicht keine schlechte Vorbereitung auf das, was sie dort oben jetzt braucht: Vertrauen in ihre Nerven. Als sie zum Schluss allen Ernstes in den Spagat springt, geht ein Raunen durchs Publikum. Schon jetzt ist klar: ums Gaffen geht es hier nicht, sondern ums Staunen und Bewundern.

Zwei Brüder, zusammen auf ewig im Todesrad gefangen: Das Duo Vanegas beim Weihnachtszirkus
Zwei Brüder, zusammen auf ewig im Todesrad gefangen: Das Duo Vanegas beim WeihnachtszirkusRoncalli

Viele der jetzt folgenden Artistiknummern beginnen beiläufig, fast laissez-faire-haft. Eingeleitet werden sie meist von einem trottelig tuenden Zauberer, dann gibt es einen Tusch des live aufspielenden Orchesters, und es passiert etwas Atemberaubendes. Grausam ist hier nicht in erster Linie das Theater, sondern das Publikum. Denn wenn es sich erst einmal warmgestaunt hat, dann will es immer mehr Gefährliches zu sehen bekommen. Dann steigt die metaphorische Blut-Lust. Das alte Kolosseum-Gefühl. Man spürt das bei einem selbst, die Abstumpfung durch die Ausnahme. Schon nach einer halben Stunde klatscht man über die wahnsinnigste Akrobatik schon etwas verhaltener. Zwei ausgebildete Balletttän­zerinnen, die sich ohne jede Sicherung in einem Ring unter der Decke verknoten, bekommen das zu spüren. Das Publikum unten will mehr, will Atemberaubenderes – wie furchtbar muss das sein, in höchster Höhe das Gefühl zu bekommen, mehr machen zu müssen.

Über die Angst des Torwarts beim Elfmeter ist viel und poetisch geschrieben worden, aber was ist mit der Angst der Ringakrobatik vor dem verhaltenen Applaus? Der Techniker unten in der Manege, der die Seilzüge im richtigen Moment bewegen muss, bekreuzigt sich vor jedem Einsatz, weil er weiß, dass es eine höhere Kraft braucht, damit dort oben alles gut geht. Als die beiden Luftgeister nur von ihren Fußsohlen gehalten durch die Luft gleiten, zeigt sich das Berliner Publikum befriedigt und johlt auf.

Es gibt nur Starke oder Schwache, alles dazwischen ist woke

Wieder zurück auf festem Grund lächeln die beiden ihren unsichtbaren Helfern zu und reiben kurz Zeigefinger und Daumen aneinander. Die Geste, die in unserem Alltag oft bedeutet, dass etwas teuer ist, hat im Zirkuszusammenhang eine tiefere Dimension. Sie wird verstanden im Sinne eines: „Jetzt zählt’s“.

Ein kolumbianisches Brüderpaar im sogenannten Todesrad ist als Nächstes an der Reihe. Erbarmungslos schwingen zwei kreisende Rotunden in höchster Höhe hin und her. Die beiden müssen stets in Bewegung bleiben, sonst werden sie herausgeschleudert. Der eine trägt eine Kreuzkette, der andere ist tätowiert. Hin und wieder rufen sie sich ein paar ermutigende Worte zu, machen Saltos, springen Seil, flirten virtuos mit den Gesetzen der Schwerkraft.

Ein- oder zweimal strauchelt einer kurz, rutscht am Gitter ab oder hält sich in letzter Sekunde, dann heult die Menge auf. In diesem Heulen liegt nicht nur Erschrecken, es ist auch ein bisschen Befriedigung dabei. So bietet dieser Weihnachtscircus trotz aller rieselnden Schneeflocken recht wenig Friedfertiges. Das passt zu einer Welt, in der die Friedensfürsten gerade besonders mar­tialisch auftreten und gegen alle Theorie der Zusammenhänge ihre eigene Theorie des Armdrückens setzen – es gibt nur Starke oder Schwache, alles dazwischen ist woke.

Vier russische Artisten bauen mit ihren Körpern eindrucksvolle Figuren, zwei un­ten, einer auf ihren Schultern, und der vierte hält sich mit der Hand auf seinem Kopf. Nur kurz der Gedanke, dass die meisten ihrer Altersgenossen ihre Körper gerade an anderem Ort einsetzen müssen, einem Ort, an dem Kraft und Eleganz keine Verbindung eingehen. „Lost“, so nennt sich dieses junge russische Artistenquartett – und verloren ist diese russische Generation vielleicht wirklich auf unbestimmte Zeit.

Am Schluss gibt es noch ein franzö­sisches Buster-Keaton-Double, das auf ei­nem schwankenden Masten Hula-Hoop- Reifen kreisen lässt. Auf ihr Alter werden Artisten nicht gern angesprochen, aber dieser hier ist bestimmt schon über sechzig, was seine Luftnummer nur noch aufregender macht. Ein ungarisch-irisches Liebespaar tritt auf, das sich unter der Zirkuskuppel seine Liebe beweist. Nur mit dem bloßen Mund hält er am Trapez hängend ihren Körper, und sie dreht sich lächelnd im Kreis. Jubel brandet auf, und manch einer stellt sich insgeheim die Frage: Vertrauen sich die beiden im echten Leben auch so vollkommen?

Und dann – der Abschlussknall. Das Duo Vitalys, das es schon ins Guinnessbuch der Rekorde geschafft hat. In größter, kräftezehrender Langsamkeit schieben sich die beiden Peruaner übereinander, halten sich in der Luft, tragen sich Kopf auf Kopf die Treppen herab. „Adagio-Akrobatik“ nennt die Fachwelt das. Und während anderswo Zehntausende Berliner ohne Strom ausharren und über den Ausfall ihrer sichergeglaubten Zivi­lisation staunen, staunen die davon verschont gebliebenen Berliner über den zirzensischen Zufall der Sicherheit: Nichts geht schief, alle bleiben unverletzt am Leben. Und hell ist es auch.