Nachruf auf den Anglisten Theo Stemmler

Wenn Theodor Stemmler sich meldete, machte man Augen und Ohren weit auf. Der Mannheimer Emeritus hatte Themen zu bieten, die mit literatur- und kulturwissenschaftlicher Expertise ins Herz der Leser-Leidenschaften zielten: Wie ist es zu den für ein deutsches Verständnis bizarren Größenverhältnissen eines Fußballtors gekommen? Woher stammt das scheinbar urkölsche Wort „Jeck“? Aber zugleich war der Anglist auch Beiträger zur Frankfurter Anthologie: zuletzt noch vor nicht einmal einem Jahr mit seiner Interpretation eines Shakespeare-Sonetts: Nummer 130, aber in der Übertragung durch Stefan George. Am Sprachspiel und an Sprachentwicklungen hatte Stemmler seinen Spaß.

Geboren 1936 in Köln (daher Inter­esse an der Etymologie des „Jecken“), bekam er nach dem Studium in Bonn und Auslandsaufenthalten in Frankreich, England, Spanien, Schweden und Italien 1968 seinen Lehrstuhl in Mannheim, den er siebenunddreißig Jahre lang bekleidete – eine akademische Lebensleistung und Treue, die in der heutigen Universitätswelt undenkbar scheinen. Das Populäre – aber immer anspruchsvoll beforscht! – wurde ihm publizistisches Korrektiv zur Ordinarienernst­haftigkeit, seit er 1988 eine kleine Geschichte des Tennissports herausgebracht hatte, passend zum durch Boris Becker und Steffi Graf ausgelösten hiesigen Boom jener Zeit.

Stemmlers Liebe zum Sport (daher die Fußballtor-Analyse) war groß, ebenso wie seine Liebe zur Liebe (daher das Shakespeare-Sonett), die sich noch 2019 im letzten Buch artikulierte: einer Studie über Goethe und dessen Jugendfreundin Friederike Brion. Nun ist der Mann, dessen Schreiben uns so glücklich machte, gestorben: wie erst jetzt bekannt wurde, im Alter von neunundachtzig Jahren am zweiten Weihnachtsfeiertag.