Es ist Markttag in Amer. Auf dem kleinen Platz vor dem Rathaus drängen sich die Menschen an den Ständen, an denen Obst, Gemüse, Kleidung und nützliches Allerlei für den Haushalt verkauft wird. Unter den Arkadengängen sitzen Männer und Frauen in den Cafés und Bars, trinken Café und tauschen Neuigkeiten aus. Hier treffe ich mich mit Joan, einem Archäologen und Geschichtswissenschaftler, der mich heute durch das kleine Dorf führt. Vor ein paar Jahren hat Joan mir schon mal einige der verborgenen Schätze La Selvas gezeigt, die die wenigsten Besucher der Costa Brava kennen. Damals haben mich seine Geschichten von den Burgen (die er alle selbst mitausgegraben hat) total fasziniert, deswegen bin ich schon sehr gespannt, was wir heute Amer entdecken werden.

Amer, ein typisch katalanisches Dorf
Im Mittelalter war das Monasterio de Santa María vor dessen Kirche wir unseren Spaziergang beginnen, ein bedeutendes Kloster. Seinen Ursprung hatte das Benediktinerkloster als kleine Zelle einer größeren Abtei in Sant Medir bei Girona. Nachdem das Mutterhaus mehrfach von marodierenden Reiterhorden überfallen und zerstört worden war, beschlossen die Mönche im 8. Jahrhundert ihr Kloster an einem ruhigeren und geschützteren Ort wieder aufzubauen. So kam es, dass die neue Anlage in Amer gebaut wurde. Bald schon siedelten immer mehr Menschen zu Füßen des Klosters und das kleine Dorf prosperierte. Der Abt herrschte wie ein Feudalherr über die weiten Ländereien.


Im 15. Jahrhundert kam es in Amer zu einem bedeutenden geschichtlichen Ereignis, dem Compromís d’Amer (1485). Im mittelalterlichen Feudalsystem lebten die Ackerbau und Viehzucht betreibenden Familien wie Sklaven der Adelsherren und Landbesitzer. Die Bedingungen dieser Remences genannten Bauern waren schwierig. Sie hatten keinerlei Rechte, dafür aber jede Menge Verpflichtungen zu erfüllen. Sie durften das Stück Land, das sie bearbeiteten, nicht ohne Erlaubnis verlassen und mussten hohe Abgaben leisten. Fiel die Ernte schlecht aus, oder brannte das Haus ab, musste der Bauer den Großgrundbesitzer entschädigen. Brauchte der adelige Herr Arbeitskräfte oder Soldaten mussten die Bauern diese Dienste kostenlos, zusätzlich zur Arbeit auf dem Feld, erbringen. Kurzum, die katalanischen Bauern waren Leibeigene und litten so sehr unter dieser Herrschaftsform, dass es mehrfach zu Aufständen kam.

Nicht ganz uneigennützig stellte sich König Fernando II (der Katholische) in einem dieser Konflikte auf die Seite der Bauern, die sich gegen die Malsusos wehrten, denn zu dieser Zeit hatte der katholische Herrscher selbst gerade Probleme mit dem Adel. Als Vermittler handelte er 1485 in Amer einen Kompromiss zwischen Aufständischen und Adeligen aus. Noch heute erinnert eine Wandtafel an dieses denkwürdige Ereignis, das dazu führte, dass die Mals Usos erstmals als schweres Leid der Landbevölkerung anerkannt wurden. Abgeschafft wurden sie ein Jahr später in der „Sentencia Arbitral de Guadalupe“.

Als 1427 ein schweres Erdbeben den kleinen Ort beinah dem Erdboden gleichmachte, erlitt auch das Kloster schwere Schäden. Viele Häuser und Teile der Klosteranlage wurden zerstört. Während der Kreuzgang unter den Trümmern verschwand, blieb die Apsis der Kirche jedoch erhalten. Die abergläubischen Einwohner beschuldigten zunächst eine Frau der Hexerei und wollten sie für das Heraufbeschwören des Bebens verantwortlich machen. Doch selbst dem herbeigerufenen Inquisitor war diese Anklage zu abstrus. Er befand die Unschuld der Beklagten und entließ sie.

Als Joan und ich die Kirche betreten, fallen mir zunächst die ungewöhnlichen Säulen auf. Statt dicker Pfeiler tragen jeweils vier schlanke, in Gruppen zusammenstehende Säulen das Gebäude. Joan erklärt mir, dass die ungewöhnlichen Säulen auf eine Umgestaltung der Kirche durch Abt Joan Antoni Climent um das Jahr 1700 zurückgehen. Damit die dunkle Kirche etwas heller werde und man den Altar auch von den hinteren Reihen des Kirchenschiffs im Blick haben konnte, ließ er die massiven Pfeiler durch die schlanken Säulen ersetzen.
Während die Kirche von außen schlicht, beinahe wie eine Festung wirkt, ist der Innenraum unerwartet schön. Natürlich kam es seit der Weihung im Jahre 949 zu zahlreichen Umbauten. Von der frühromanischen Epoche ist nach zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen und dem schweren Erdbeben nicht viel erhalten geblieben. Überschwängliche, protzige Dekoration wie in barocken Kirchen üblich, sucht man hier vergeblich. Die Dorfkirche wirkt gerade durch ihre Schlichtheit irgendwie behaglich.

Die Rückseite ist der älteste und der am besten erhaltene Teil der romanischen Kirche. Besonders wertvoll sind die lombardischen Friese der Apsis. Um seine Erklärungen zu veranschaulichen, führt mich Joan einmal um die Kirche herum, damit wir das Ganze von außen sehen können. Die massive zentrale Apsis wird von zwei kleineren Apsiden flankiert. Besonders ungewöhnlich ist jedoch die vierte, später angebaute Apsis, die jedoch im gleichen Stil errichtet wurde.
Direkt neben der Apsis befindet sich das Restaurant Can Co. Zum Glück kennt Joan den Besitzer, denn der führt uns zu einem Tisch direkt mit Blick auf die historische Kirche. So können wir noch während wir das leckere Mittagessen genießen, weitere Details der Apsis bewundern.

Frisch gestärkt bummeln wir durch diesen ruhigen kleinen Ort, der Erdbeben und Kriege überstanden hat und so viel Geschichte birgt. Über den Marktplatz, auf dem die letzten Marktleute noch dabei sind, ihre Stände abzubauen, schlendern wir zu einer langen Straße, dem Carrer Girona. Joan meint, dies sei einst die Hauptstraße Amers gewesen. Dicht mit schönen alten Häuser bebaut, spazieren wir bis zu dem Portal, das im Mittelalter einer der wichtigsten Eingänge des Ortes war. Dort erhebt sich eine kleine weiße Ermita, die Capilla de la Pietat. Vermutlich befand sich bereits eine romanische Kapelle an dieser Stelle, ehe im 18. Jahrhundert das heutige Gebäude gebaut wurde. Hier sollen Bischöfe, Äbte oder andere führende Geistliche, ihre liturgischen Gewänder angelegt haben, ehe sie Amer betraten.



Amer – Adressen zum Nachreisen:
Can Co – Absis Restaurant
Carrer de Borrell II
17170 Amer, Girona
absisrestaurant.com
Joan, Archäologe und Guide findest du hier: Atri-Cultura i Patrimoni : atri.cat
Noch mehr Infos zu La Selva gibt es hier im Blog oder auf der Website des Tourismusamtes: laselvaturisme.com

Hinweis: Bereist im Oktober 2025. Besuch auf Presseeinladung – Danke an La Selva Turisme
