

Die Strukturkrise der deutschen Wirtschaft zieht Kreise und schlägt jetzt verstärkt auf den Arbeitsmarkt durch. Nach neuen Zahlen des Statistischen Bundesamts ist die Erwerbstätigkeit in Deutschland im vergangenen Jahr zum ersten Mal seit langer Zeit gesunken. Zwar verringerte sich die Gesamtzahl der Erwerbstätigen 2025 im Vergleich zum Vorjahr nur leicht und zwar um rund 5000 bei einem Höchststand von knapp 46 Millionen, wie die Behörde am Freitag auf Grundlage einer ersten Hochrechnung bekannt gab. Aber es war, abgesehen vom Corona-Jahr 2020, der erste Rückgang seit fast zwanzig Jahren.
Dass sich die beruflichen Chancen vieler Menschen verschlechtern, zeigt sich schon länger an den Statistiken der Bundesagentur für Arbeit. Die Zahl der Arbeitslosen steigt seit drei Jahren stetig an und dürfte im Januar nach kurzer Herbstbelebung wieder über drei Millionen klettern. Zunächst gibt die Bundesagentur für Arbeit am Mittwoch die Daten für Dezember bekannt. Im November hatte sie knapp 2,9 Millionen Arbeitslose registriert. Mit dem üblichen Saisonverlauf steigt die Zahl bis einschließlich Januar meist um mehr als 150.000. Verglichen mit 2019, dem bisher günstigsten Jahr, hat sich die Arbeitslosigkeit schon um rund 800.000 Personen oder ein Drittel erhöht.
Anlass zur Zuversicht leiteten Arbeitsmarktpolitiker allerdings dennoch regelmäßig daraus ab, dass auch bei steigender Arbeitslosigkeit zugleich die Zahl der hierzulande erwerbstätigen Menschen weiterhin stieg. Seit dem Jahr 2019 hat sie sich um rund 600.000 erhöht und wurde oft als Beleg für die Robustheit der deutschen Wirtschaft interpretiert. Nun ist aber auch diese Entwicklung an ein Ende gekommen. Vor allem die starke Zuwanderung hatte das Nebeneinander von steigender Arbeitslosigkeit und steigender Erwerbstätigkeit ermöglicht.
Dass die Hauptgründe für den aktuellen Rückgang der Erwerbstätigkeit in der insgesamt schlechten Wirtschaftslage wurzeln, zeigt die Aufschlüsselung der neuen Daten. Denn ein stärkerer Rückgang wurde nur durch den anhaltend kräftigen Personalaufbau im öffentlichen Sektor verhindert. Die Zahl der Erwerbstätigen im verarbeitenden Gewerbe sank im Vergleich zum Vorjahr um weitere 160.000 Personen auf 7,25 Millionen. Seit dem Jahr 2019 ist dieser Kernbereich des Industriestandorts nun um mehr als eine halbe Million Erwerbstätige geschrumpft.
Zugleich ging auch die Zahl der Selbständigen ein weiteres Mal zurück. Sie sank 2025 um 40.000 auf 3,67 Millionen. Zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts hatten zeitweilig noch mehr als 4,5 Millionen Menschen ihren Lebensunterhalt als selbständige Unternehmer bestritten. Dieser Rückgang erklärt außerdem ein weiteres Ergebnis der aktuellen Hochrechnung: Während die Erwerbstätigkeit insgesamt um besagte 5000 Personen gesunken ist, legte die Zahl der Arbeitnehmer – die in dieser Abgrenzung auch Beamte und Minijobber umfasst – noch einmal um knapp 35.000 auf insgesamt 42,3 Millionen zu.
Die stärksten Zuwächse verzeichnet die Statistik ein weiteres Mal im Bereich des öffentlichen Dienstes sowie von Tätigkeiten, die überwiegend aus öffentlichen Mitteln finanziert werden, also aus Steuern und Sozialabgaben. Wie die Auswertung zeigt, waren 2025 in dem unter „Öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit“ geführten Bereich insgesamt 12,4 Millionen Menschen tätig. Das waren 205.000 mehr als im Jahr 2024 und 1,1 Millionen mehr als 2019.
Lässt man diesen Bereich in der Betrachtung außen vor, dann geht die Erwerbstätigkeit in rein privatwirtschaftlichen Bereichen schon seit dem Jahr 2023 zurück – ebenso lange, wie auf der anderen Seite die von der Bundesagentur ermittelte Arbeitslosenzahl zeigt. Im Jahr 2023 waren in Deutschland noch 33,9 Millionen Menschen außerhalb des öffentlichen Sektors erwerbstätig. Bis zum vergangenen Jahr ist diese Zahl um gut 300.000 auf 33,6 Millionen geschrumpft.
Zumindest einige Dienstleistungsbranchen legen zu
Innerhalb des Privatsektors legten neben der Schrumpfung der Industrie zumindest einige Dienstleistungsbranchen zu. Einen Zuwachs von 16.000 Erwerbstätigen ermittelten die Statistiker für das Finanz- und Versicherungsgewerbe. Und um 26.000 Erwerbstätige wuchs der Bereich der „sonstigen Dienstleistungen“, der unter anderem Verbände und politische Interessenvertretungen umfasst.
Für das neue Jahr erwarten Forscher, dass die gesamtwirtschaftliche Leistung in Deutschland erstmals nach drei Jahren Stagnation und Rezession wieder leicht zulegt. Die Bundesbank rechnet laut ihrer aktuellen Deutschland-Prognose 2026 mit einem Wachstum von 0,6 Prozent. Allerdings beruht auch diese Aussicht stark auf (schuldenfinanzierter) Staatstätigkeit. Im Jahresverlauf würden „zusätzliche Verteidigungs- und Infrastrukturausgaben die Staatsnachfrage stark steigen“ lassen und damit das Wachstum stärken. Daneben dürften die Exporte nach den jüngsten Rückgängen wieder etwas zulegen.
In der Metall- und Elektroindustrie, dem wichtigsten Bereich der Exportwirtschaft, deutet indes noch wenig auf eine Rückkehr zu einem selbsttragenden Aufschwung hin. Das zeigt eine neue Mitgliederbefragung des Arbeitgeberverbands Metall NRW, an der 354 Betriebe im größten Bundesland teilnahmen. Nur 14 Prozent stuften ihre aktuelle Geschäftslage als gut ein; und mit einer Besserung in den kommenden sechs Monaten rechnen nur zehn Prozent der Unternehmen.
Verbandschef Arndt G. Kirchhoff bewertete dies als „Ausdruck einer tiefen Wettbewerbsfähigkeitskrise und gravierenden Standortschwäche“, die neben hohen Energiekosten vor allem durch den fortlaufenden Anstieg der Sozialabgaben verursacht sei. Gehe dieser Anstieg in Richtung 50 Prozent des Bruttolohns so weiter wie bisher, „brauchen wir uns in Deutschland über alle anderen Themen wie Energiepolitik, Sozialpolitik, Klimaschutz oder auch Wehrhaftigkeit bald nicht mehr zu unterhalten“.
