Die Bedeutung Konrad Adenauers für Deutschland in wenige Worte zu fassen, fällt schwer. Und es gelingt auch seinem Biographen Hans-Peter Schwarz nur mit einer historischen Analogie und einem Augenzwinkern, wenn er Adenauer den „George Washington der Bundesrepublik“ nennt. „Wir sind alle Erben dieses bedeutenden Mannes, der Aktiva und Passiva seiner Bilanz“, schrieb selbst Willy Brandt Mitte der 1970er-Jahre über den ersten Bundeskanzler.
Wir alle sind Adenauers politische Kinder, in der CDU ebenso wie in der Bundesrepublik insgesamt. An Konrad Adenauer richtet sich meine Partei in schwierigen Zeiten auf. Und wir können heute wieder Antworten bei ihm finden, auf mindestens zwei zentrale Fragen unserer Zeit.
Union kann kein Partner für die AfD sein
Konrad Adenauer steht am Anfang der Erfolgsgeschichte der Union. Mit ihm triumphierte das Bürgerliche in Deutschland. Lange hatte es gedauert. Der erste Kanzler symbolisierte christlich-bürgerliche Tugenden im besten Sinne. Er war vorwärtsgewandter Konservativer, er schaute nicht sehnsüchtig zurück. Wie hätte er auch gekonnt, blickt man auf sein eigenes Schicksal und das seiner Familie? Mehrfach wurde Adenauer von der Gestapo inhaftiert. Seine Frau verriet nach dem 20. Juli 1944 unter psychischem Druck seinen Aufenthaltsort und unternahm aus Scham einen Selbstmordversuch, an dessen Spätfolgen sie wohl wenige Jahre später im Alter von 52 Jahren starb.

Auch aus dieser Erfahrung speiste sich die klare Haltung Adenauers gegen den Rechtsextremismus, der sich in der frühen Bundesrepublik oft explizit auf den Nationalsozialismus bezog. Adenauers Haltung ist bis heute prägend für die Union. Sie führt in einer Linie zu der harten Auseinandersetzung, die wir mit einer AfD führen, die mindestens in Teilen rechtsextrem ist und in Exponenten wie Björn Höcke offen mit vermeintlichen Traditionslinien zum Hitlerregime kokettiert – als hätten die Nationalsozialisten unser Land und Europa nicht in den Abgrund gestürzt.
Adenauer war nie an Stillstand interessiert
Adenauers Union kann kein Partner für diese Partei sein. Und doch geht es fehl, Adenauer als Anwalt eines Verbotsverfahrens gegen die AfD heranzuziehen, wie es Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in einem Beitrag in der Dezember-Ausgabe der „Politischen Meinung“ mit dem Verweis auf das Verbot der neonazistischen „Sozialistischen Reichspartei“ 1952 unter Adenauer insinuiert.
Erstens sind die Zeiten gänzlich verschieden, die Bedrohungen sind es mindestens zum Teil. Zweitens hat Adenauer vor allem versucht, die zersplitterten Kräfte rechts der Union in die Mitte zu ziehen, nur die SRP, deren größter Erfolg elf Prozent bei einer Landtagswahl war, wurde verboten. Adenauer hat sich zuallererst dem politischen Kampf gestellt.
Von ihm lernen heißt in unserer Zeit deshalb: auf die Wähler zielen. „Nehmen Sie die Menschen, wie sie sind, andere gibt’s nicht“, ist eines der berühmtesten Zitate Adenauers und formuliert einen ur-christdemokratischen Anspruch an Politik. Adenauer wusste, das beste Mittel gegen politischen Extremismus ist die Auseinandersetzung mit den Themen und Problemen, die ihn nähren. Schon koalitionsbedingt braucht die Union heute dafür die SPD. Wenn die Sozialdemokratie eine harte Linie bei irregulärer Migration und innerer Sicherheit mitträgt, wir in der Wirtschaftspolitik auf Wachstum setzen und im Sozialen auf Sicherheit und Fairness gleichermaßen, wird das die Gewinnerformel unserer Zeit sein.
Womit wir bei der zweiten Lehre des Adenauer‘schen Erbes sind. Adenauer war ein Reformer mit dem Willen, das Bestehende, die junge Bundesrepublik, zu verteidigen. „Keine Experimente“ war ein Slogan, der Sicherheit im Wandel gab, politisch war Adenauer nie an Stillstand interessiert. Im Inneren war er liberal, nach außen und im Führungsstil mitunter – aus heutiger Sicht – etwas streng. Adenauer war klar, dass in der Fähigkeit zu Reformen die wahre Stabilität einer Gesellschaft ruht. Und dass es zuweilen Biss braucht, sie durchzusetzen.
Adenauers Erfolgsrezept
Adenauer war deshalb so erfolgreich, weil er die Menschen nicht verändern wollte. Er wollte sie überzeugen. Mit seinem nüchternen Realitätssinn konnte er Debatten versachlichen und damit zu Entscheidungen führen – auch gegen Widerstände. Angelegt war das in seiner Persönlichkeit als rheinländischer Katholik, der die Barbarei der Nationalsozialisten aushielt, unter ihr auch litt, aber sie vor allem ertrug mit dem Glauben, dass es eine Zeit nach Hitler geben wird.
Sachlichkeit, Nüchternheit, Biss und Zuversicht: Das wird unsere Koalition brauchen, um Stabilität durch Reformen zu gewährleisten. Viele haben heute den Eindruck, dass Politik zu viele Experimente wagt, in immer mehr Lebensbereiche ausgreift, statt sich auf zentrale staatliche Aufgaben zu konzentrieren; lieber den moralischen Zeigefinger gegen die Bürger hebt, statt das bessere Argument zu führen. Adenauer sollte uns Vorbild sein, wie es besser geht.
Die Zeiten heute sind andere, klar. Wie würde ein Politikertyp wie Konrad Adenauer wohl in der Welt von Social Media und Dauernachrichten funktionieren? Wir müssen darauf keine Antworten finden. Einen wie Konrad Adenauer wird es auch aufgrund der Besonderheit der Geschichte wohl kein zweites Mal geben. Wir als politische Kinder haben den Auftrag, sein Erbe – eine starke und stabile Bundesrepublik, der effektive Kampf gegen Extremismus und der Wille zu den notwendigen Reformen – in unserer Zeit fortzuführen.
