Islamistische Bedrohung: Wie sich junge Menschen radikalisieren

Maria Torres

Anfang des Jahres 2018 starb Maria Torres’ Sohn Adrian unter ungeklärten Umständen in Iran. Er war auf dem Weg nach Afghanistan, um sich dem IS anzuschließen. Davon wusste seine Mutter nichts; seine Hinwendung zu einem streng religiösen Leben hatte sie in den zwei Jahren zuvor jedoch hautnah miterlebt. Immer wieder setzte sie sich mit ihm auseinander, konnte seinen Weg aber nicht stoppen. 2022 gründete Torres den Verein „Never forget Adrian“ und ist Ansprechpartnerin für Menschen, die Erfahrungen mit Islamismus machen.

„Im Sommer 2016 habe ich Adrian während der letzten Woche des ­Ramadans das erste Mal in diesem ­Gewand gesehen. Das hat mich ­schockiert. Adrian war immer so stylish, hat immer sehr penibel auf seine Kleidung geachtet. Jetzt sah er so komplett anders aus. Ich fand es schrecklich.“

Fotos, die Maria Torres an glückliche Zeiten erinnern: Adrian in seiner Jugend, mit Spaß am Basketball- und Gitarrespielen
Fotos, die Maria Torres an glückliche Zeiten erinnern: Adrian in seiner Jugend, mit Spaß am Basketball- und GitarrespielenSophie Boyer

In dieser Zeit erzählte Adrian immer wieder von einem jungen Mann und dessen Vater, die er in der Moschee in Offenbach kennengelernt hatte. Adrians eigener Vater lebt in den USA; er hatte immer Kontakt zu ihm, wuchs aber ohne ihn auf. In den folgenden Monaten kam es zu mehreren Situationen, in denen Adrian seine Mutter kritisierte.

„Im Winter hatte ich gerne dicke Strumpfhosen und einen Minirock an. Einmal holte er mich von der Arbeit ab. Im Auto schaute er mich kritisch an und sagte: ‚Meinst du nicht, der Rock ist zu kurz?‘ Ich habe den Rock dann ­extra noch weiter nach oben geschoben, weil ich das unmöglich fand von ihm. Wenn ich abends mal weggegangen bin, sagte er mir, ich solle keinen Alkohol trinken und mehr auf mich und meine Gesundheit achten. Früher hatte er selbst viel Musik gemacht, auf einmal musste ich das Radio im Auto ausstellen, weil Musik ,haram‘ sei, verboten. Als er mich einmal sehr angegangen ist, hat er sich am nächsten Tag bei mir entschuldigt und gesagt, sein Verhalten sei übergriffig gewesen. Ich habe zu ihm gesagt: ‚Respektiere mein Leben, ich respektiere auch deins.‘“

Anfang des Jahres 2017 stellte Adrian ihr die Familie vor, die er in der Moschee kennengelernt hatte. Kurz zuvor hatte er ihr eröffnet, die 17 Jahre alte Tochter der Familie, der er selbst noch gar nicht begegnet war, heiraten zu wollen. In der Wohnung der Familie verschwand Adrian mit den Männern, während Maria Torres mit ihrer zukünftigen Schwiegertochter Selima und deren Mutter zusammensaß und Auskunft über ihren Sohn geben sollte. Sie fand die ganze Situation absurd, spielte aber mit.

„Wie so oft wollte ich Adrian nicht enttäuschen. Ich dachte: Wenn er glücklich ist, bin auch ich glücklich. Das habe ich mir natürlich vorgemacht. Ich war alles andere als glücklich mit dieser ganzen Situation.“

Adrian Torres während seines ersten Ramadanfestes in der Moschee und mit Ehefrau
Adrian Torres während seines ersten Ramadanfestes in der Moschee und mit EhefrauSophie Boyer

Im Mai 2017 fand eine große Hochzeitsfeier in der Moschee statt, die Geschlechter strikt getrennt. Maria Torres wollte nicht dabei sein.

„Adrian hat mir danach ganz stolz ­erzählt, wie toll das war. Er habe ­eigenhändig ein Lamm geschächtet. Ich war einfach nur schockiert. Ich habe ihn gefragt: ‚Wie kannst du ein Tier töten?‘ Er sagte: ‚Das ist eine Ehre für den Bräutigam.‘ An meinen ­Gefühlen zu meinem Sohn hat das aber nichts verändert. Ich glaube, er hätte alles machen können.“

Wochen danach wurde Maria Torres von Selimas Mutter zum Kaffee eingeladen; Selima wolle ihr etwas erzählen.

„Bei diesem Besuch habe ich Selima das erste Mal komplett verhüllt gesehen. Ich bin ausgeflippt und habe sie gefragt: ‚Was soll das? So kannst du doch nicht rumlaufen!‘ Und dass sie, wenn sie mich besucht, in diesem Aufzug nicht erscheinen braucht. Abends bekam ich einen Anruf von Adrian. Da habe ich wirklich massiv dagegengehalten und ihm gesagt, dass ich das nicht ­dulde. Dass meine Toleranz am Ende ist. Er sagte, er könne verstehen, dass das befremdlich sei für mich, aber ich müsse es akzeptieren. Er werde darüber auch nicht weiter diskutieren.“

Den ersten Schuh, den sie für ihren Sohn Adrian kaufte, würde Maria Torres niemals weggeben.
Den ersten Schuh, den sie für ihren Sohn Adrian kaufte, würde Maria Torres niemals weggeben.Sophie Boyer

Noch heute fragt sie sich: Hätte ich mich anders verhalten müssen?

„Heute würde ich stärker nach Anlaufstellen suchen, die helfen können. ­Damals wäre es für mich nicht infrage gekommen, zur Polizei zu gehen. Heute würde ich anders vorgehen, auch wenn ich keine guten Erfahrungen mit Polizei und Staatsschutz gemacht habe. Vorwürfe macht man sich immer. Ich habe mich zum Beispiel gefragt: Hätte ich ihn taufen lassen sollen? So absurde Gedanken kommen einem da. Und mich beschäftigt noch immer, dass ich ihm bis auf dieses eine Mal nie ­richtig meine Meinung gesagt habe. Da war halt doch immer die Angst, ich könnte ihn verlieren.“

Omar Hakimi

Der heute 27 Jahre alte Afghane Omar Hakimi kam 2015 nach Deutschland. Zusammen mit weiteren unbegleiteten Jugendlichen wurde er in einer Wohngruppe in Darmstadt untergebracht. Das Leben in der neuen Umgebung war eine permanente Überforderung. Es folgte anderen Spielregeln als jenen, die Omar bis dato gekannt hatte – und es war keiner da, der sie ihm erklärte. Zwei Jahre lang war Hakimi orientierungslos und eckte an.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.



Geboren worden war Hakimi kurz vor der Jahrtausendwende im Süden Afghanistans. Auch nach Beginn des militärischen Einsatzes der Amerikaner und ihrer Verbündeten blieb der Süden, wie fast die Hälfte des gesamten Landes, unter dem Einfluss der Taliban. Omar war nicht das älteste Kind seiner Eltern, aber er lernte leicht und war fleißig, so dass sein Vater entschied, ihn in eine Madrasa zu schicken, eine spezielle Religionsschule. Zwischen seinem dritten und seinem 17. Lebensjahr bekam Omar dort täglich erklärt, wie die Taliban die Welt sehen.

In der Madrasa lehrten und betreuten ausschließlich Männer ausschließlich Jungen. Nur alle paar Monate kam Omar für eine Übernachtung nach Hause, wo er Mutter und Schwestern sah. Ansonsten lebte er in einer von Männern bestimmten Welt, die ihm sagte: Frauen sind weniger wert. Ein Buch, auf das in der Schule immer wieder verwiesen wurde, trug den Titel „Zwölf Frauen, die in die Hölle kommen“.

Auf der einen Seite verinnerlichte der Junge, was er eingebläut bekam. Auf der anderen Seite irritierte es ihn, denn: Seine Mutter liebte er sehr, sie war sein Ankerpunkt, ein guter Mensch, ein wertvoller. Doch wenn er die Thesen der Lehrer hinterfragte, wurde er gezüchtigt.

Der einzige Ausweg: das Heimatland verlassen

Die harte Schule, durch die Omar Hakimi gehen musste, befürwortete der Vater. Als der Sohn jedoch noch nicht einmal volljährig nach Pakistan geschickt werden sollte, hörte der Vater auf dessen Befürchtungen. Es war bekannt, dass junge Männer häufig nie wieder zu ihren Familien zurückkehrten, unter anderem, weil sie im Nachbarland zu Kämpfern ausgebildet wurden. Omar begriff: Diesem vorgegebenen Weg würde er sich nur entziehen können, wenn er seine Heimat verließ.

Der Vater stimmte zu. Nach ein paar Monaten in der Türkei kam Hakimi 2015 nach Deutschland. In einer speziellen Unterkunft für minderjährige Unbegleitete wurde er mit fast 30 anderen 13- bis 17-Jährigen aus Afghanistan von nun an von Sozialarbeiterinnen betreut – Frauen ohne Kopftuch und mit kurzen Hosen, die nichts davon wussten, wie junge Männer wie Omar bislang sozialisiert worden waren.

Omar Hakimi näherte sich seiner neuen Heimat Deutschland unter anderem über die Lektüre des Grundgesetzes.
Omar Hakimi näherte sich seiner neuen Heimat Deutschland unter anderem über die Lektüre des Grundgesetzes.Sophie Boyer

„Das war sehr schwierig damals“, sagt Omar Hakimi heute. „Ich hatte zuvor nie allein mit einer fremden Frau gesprochen.“ Außer der Mutter und den Schwestern hatte er niemals Frauen ohne Hijab gesehen. Nun saß er mit unverschleierten Frauen beim Mittagessen an einem Tisch, sollte ihnen die Hand schütteln, auf ihr Wort hören. In der Schule wurde er gemeinsam mit jungen Frauen unterrichtet. Er hatte keine Möglichkeit zu beten, kannte keine Moschee; zuvor hatte er ständig gebetet. Hakimi wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. „Ich habe mich häufig gefragt: Komme nun auch ich in die Hölle?“, erzählt Hakimi.

Zuvor hatte er ständig gebetet

Vielleicht war an den Behauptungen, dass Demokratie „haram“ sei, etwas Schlechtes, ja doch etwas dran. „Der Gedanke, nach Afghanistan zurückzugehen, hat mir Angst gemacht. Der Gedanke, hierzubleiben, aber auch.“ Nach vielen Monaten, in denen sich die Situation mit den jungen Flüchtlingen immer mehr zuspitzte, wandten sich die Sozialarbeiterinnen an Rumi Impuls. Dieser Verein war gerade erst gegründet worden, mit einem Schwerpunkt auf Gewalt- und Extremismusprävention.

Hanifa Haqani, Geschäftsführerin von Rumi Impuls, ebenfalls aus Afghanistan und seit den Achtzigerjahren in Deutschland, erinnert sich genau an das erste Treffen mit der Gruppe. Alle seien sofort ruhiger geworden, durch die gemeinsame Sprache, aber vor allem weil Haqani ihnen versicherte: Du bist kein schlechter Mensch, wenn du dich auf die deutsche Gesellschaft und ihre Regeln einlässt.

„Ich habe gemerkt: In Deutschland bin ich viel freier“

Von diesem Zeitpunkt an begannen sie mit Workshops, in denen genau darüber geredet wurde: Was bedeutet Demokratie, wie ist sie in Deutschland entstanden, wie bekenne ich mich dazu und kann gleichzeitig Dinge beibehalten, die mir weiterhin wichtig sind, wie die Verbindung zu Gott? „Wir haben das Grundgesetz gelesen“, sagt Omar Hakimi. „Und ich habe gemerkt: In Deutschland bin ich viel freier. Alle Menschen sind viel freier.“ Er machte seinen Hauptschulabschluss, entschied sich für den Bundesfreiwilligendienst, den er bei Rumi Impuls absolvierte.

Heute arbeitet er dort selbst mit jungen Menschen, um ihnen das Ankommen in Deutschland zu erleichtern. Denn er sagt: „Jeder Afghane, der nach Europa kommt, ist erst einmal überfordert mit dem Leben hier.“ Und Haqani ergänzt: „Wer von Kindesbeinen an ideologisch indoktriniert wurde, ist weniger resilient, wenn er hier an Extremisten gerät. Dann können alte Verhaltensmuster durchbrechen.“ Das gelte auch für Jugendliche aus Syrien oder Somalia. Sich ihnen zu widmen, lohne sich daher für die gesamte Gesellschaft.

Navid Wali

Im Jahr 1990 als Kind afghanischer Eltern in Tadschikistan geboren, kam Navid Wali 1993 nach Deutschland. Sein Vater stammt aus einer Familie, die große Nähe zu theologischen Gelehrten pflegte; zu Hause wurde und wird viel über den Islam gesprochen. Ab 2011 erlebte er, wie sich immer mehr Freunde diesem Glauben zuwandten, sich radikalisierten, dem IS anschlossen – und in Syrien oder Irak starben. Wali studierte zunächst Islamische Religion und Englisch. Mittlerweile arbeitet er für das Violence Prevention Network, eine NGO, die mit rechtsextremistisch und islamistisch gefährdeten sowie radikalisierten Menschen arbeitet, und studiert Soziale Arbeit. Zudem klärt er auf Instagram über Extremismus und Extremisten auf.

„Mitte der 2000er tauchten in Frankfurt die Salafisten auf und hatten ein Angebot für eine junge Zielgruppe, die sich für Religion interessierte. Sie wussten genau, wo sie hinmussten: nach Griesheim, Sossenheim, Höchst, Offenbach. Am Anfang war man in den Moscheen einfach nur froh: Da kommt einer wie Pierre Vogel mit Kölschem Dialekt und ganz viel Werbematerial auf Deutsch, und auf einmal ist die Moschee rappelvoll. Die Imame der Moscheen sprachen meistens kein Deutsch, die konnten die jungen Menschen gar nicht abholen.

„Du bist kein ­richtiger Muslim“: Navid Wali, hier am Frankfurter Hauptbahnhof, stellt sich ­dieser Parole der Islamisten entgegen.
„Du bist kein ­richtiger Muslim“: Navid Wali, hier am Frankfurter Hauptbahnhof, stellt sich ­dieser Parole der Islamisten entgegen.Sophie Boyer

Der Hauptfaktor für den Erfolg aber war: In diesen Kreisen wurde man nicht hinterfragt. Von meinen Freunden fühlten sich viele ungerecht behandelt von der Mehrheitsgesellschaft. Auf einmal kamen Leute, die ihnen sagten: ‚Du bist der Überlegene, denn du bist der Gläubige. Diese Menschen, die euch diskriminieren, rassistisch behandeln, die euch das Leben schwer machen, sind Ungläubige durch Gottes Bestimmung.‘ Das ist natürlich Nonsense, das steht nirgendwo, aber in dem jungen Alter denkt man: Krass, das hat Gott gesagt. Das Abstrakte, was ich spüre, wird konkretisiert – und legitimiert. Meine Negativwahrnehmung ist berechtigt.

Das Narrativ der Salafisten ist so gefährlich, weil die sagen: ‚Das Diesseits ist das Paradies der Ungläubigen, das Jenseits wird dafür das Paradies der Gläubigen sein.‘ Das ist plump, aber wenn man es in dieser bestimmten Situation hört, denkt man sich: Ich bin ein Reisender, und mein Endreiseziel ist das Paradies. Dann hat man kaum Ambitionen, etwas Höheres zu erreichen.

Ich habe immer einen Widerstand gespürt, wenn ich diese Prediger gesehen habe. Die waren stupide im Auftreten, primitiv in der Darstellung und komplett konträr zu der Frömmigkeit, die bei mir zu Hause gelebt wurde. Meine Eltern sagen: ‚Der Gläubige ist jener, von dessen Hand, Gedanken und Zunge der andere geschützt ist.‘ Aber die Salafisten waren immer konfrontativ: ‚Nimm den Islam an, oder du kommst in die Hölle.‘ Die haben den Weg bereitet für die, die dann kamen und einige Freunde und Bekannte von mir dazu brachten, sich dem IS oder anderen dschihadistischen Bewegungen anzuschließen.

Dieser Widerspruch hat meine Jugend begleitet, das war sehr anstrengend. Die salafistisch Angehauchten unter uns radikalisierten sich, haben die, die den Islam gar nicht praktiziert haben, immer bewertet: ‚Du bist kein richtiger Muslim; du bist keine Muslima, wenn du so rumläufst.‘

Heute findet Radikalisierung auch im Internet statt. Der Glaube wird instrumentalisiert von Hasspredigern, die mit ihrer Auslegung des Islams eigentlich am Rand stehen, im Internet aber die Deutungshoheit übernommen haben. Seit dem 7. Oktober 2023 ist das noch gefährlicher geworden. Die extremistischen Ränder machen sich die emotionale Zerrissenheit von jungen Menschen zunutze.“