
Am Rande der Großen Olympiaschanze von Garmisch-Partenkirchen steht, fünf Meter vom Ausgang des Auslaufs entfernt, temporär ein grauer Container. Er ist recht klein, geschätzt drei Meter breit und zehn Meter lang. Aber in diesen 30 Quadratmetern wurde beim zweiten Springen der 74. Vierschanzentournee im Werdenfelser Land über Ja oder Nein entschieden, über durchgewinkt oder disqualifiziert.
Insofern war dieser schlichte Container das wohl wichtigste Utensil des Garmischer Skispringens. Denn in diesem grauen Unterschlupf checkte der einstige österreichische Skispringer Mathias Hafele die Anzüge der Athleten. In dieser Saison hat der hauptamtliche Chefkontrolleur des Weltverbandes FIS bereits 21 Disqualifikationen aussprechen müssen.
Timi Zajc wird gleich zweimal disqualifiziert
Der bisher folgenreichste dieser Ausschlüsse betraf am vergangenen Montag zum Auftakt der Tournee in Oberstdorf den Slowenen Timi Zajc. Er wurde zunächst als Zweiter hinter dem slowenischen Sieger Domen Prevc geführt, flog aber aus der Wertung, weil sein Springeranzug an einem Bein drei Millimeter zu kurz war.
Zajc war der erste prominente Flieger, der aus den Ergebnislisten verbannt wurde, auch am Donnerstag in Garmisch rasselte er durch die Materialkontrolle. „Das zeigt, dass die Kontrollen funktionieren“, sagte Bundestrainer Stefan Horngacher. Ähnlich lobend äußerte sich die gesamte Springergemeinde, auch die slowenische Mannschaft. Domen Prevc etwa sagte: „Wir agieren alle am Limit, da kann schnell etwas schiefgehen.“
Ein Anzugsbein, das um drei Millimeter zu kurz ist – das klingt nach nichts. „Das ist aber eben nicht regelkonform“, sagt dazu Andreas Bauer, ein ehemaliger deutscher Skispringer, der die Materialkommission des FIS leitet. Auch ein um nur drei Millimeter an den Beinen zu kurzer Anzug „kann einen Effekt haben. Wird der Stoff des Beins nach oben gezogen, erhöht sich die Tragfläche im Schrittbereich – und das ist ein unerlaubt vergrößertes Polster im Flug“, sagt Hafele.
Eine derart radikale Kontrollkonsequenz, wie sie im Fall Zajc deutlich wurde, ist neu in der Welt der Skispringer. Sie wurde nötig, weil zuvor der wohl größte Betrugsskandal in der Geschichte dieses Sports publik wurde, für den Team Norwegen verantwortlich ist.
Folgen des Anzugskandals um Norwegens Team
Am 8. März 2025, dem vorletzten Tag der nordischen Ski-WM in Trondheim, kursierte das Video eines anonymen Absenders am Rande der Großschanze. Zu sehen war darin, wie ein Betreuer im Beisein von Norwegens damaligem Cheftrainer Magnus Brevig verbotenerweise eine stabilisierende Naht in einen Anzug einnähte. Eine Maßnahme, die dank der damit geschaffenen neuen Statik im System weite Flüge ermöglicht.
Team Norwegen wurde nachträglich disqualifiziert und für die restlichen Wettbewerbe des Winters ausgeschlossen. Marius Lindvik verlor zudem seine zuvor ersprungene Silbermedaille von der Großschanze. Die Aufarbeitung des Falls durch die Ethikkommission der FIS hatte zur Folge, dass Lindvik und dessen Kollege Johann André Forfang drei Monate im Sommer gesperrt wurden und dazu 2000 Schweizer Franken (rund 2150 Euro) Strafe zu zahlen hatten. Die Urteile für Brevig und seine Betrugs-Crew stehen noch aus.
Die Anzüge müssen nun im Vergleich zur Vorsaison enger geschnitten sein. Bevor sie zum Einsatz kommen, werden sie von Hafele einer technischen Kontrolle unterzogen. Stimmen sie mit den Abständen der zuvor ermittelten Körperdaten des jeweiligen Athleten überein, erhalten sie einen Chip, eine Art TÜV-Siegel. Nur mit diesen Anzügen, neun pro Saison sind gestattet, darf gesprungen werden. Eine Untersuchung dauert eine Viertelstunde.
In seinem grauen Materialcontainer benötigt Hafele für eine schnelle Nachkontrolle „um die fünf Minuten, manchmal auch mehr“. Er reagiert auf ein Signal der oben auf der Schanze installierten und geschulten Kontrolleure aus Bauers Team. Sie können Auffälligkeiten zu Hafele herunterfunken, der die betreffenden Athleten daraufhin zu sich einbestellt.
Hafele entdeckt manches auch im Fernsehbild
Es kommt auch vor, dass Hafele im Fernsehbild selbst Dinge bemerkt, die ihm komisch vorkommen – „dann muss der entsprechende Athlet bei mir vorbeischauen“. Darüber hinaus nimmt er Stichproben. In Garmisch steht ein TV-Gerät in Hafeles Kontrollraum, zudem sind zwei Bildschirme aufgestellt, die mit einem Laptop verbunden sind, darauf sind Startlisten zu sehen.
Für die Kontrolle der Anzüge benutzt Hafele Maßbänder und eigens zu diesem Zweck erstellte Plastikschablonen. Arm- und Beinlänge werden mit einem elektronischen Messinstrument erfasst. Im weiteren Verlauf kontrolliert Hafele mit seinen Schablonen Anzugdetails. Die Abschlüsse an Händen und Füßen werden gecheckt, zudem Umfang und Länge des Suits oder auch rechte Winkel des Arms im Verhältnis zur Schulter.
Wird ein Springer disqualifiziert, erhält er eine Gelbe Karte. Folgt ein weiterer Ausschluss, sieht er Gelb-Rot, was eine Sperre für zwei Wettkämpfe nach sich zieht. In dieser Saison wurden bereits vier Rote Karten verteilt, betroffen waren Alex Insam aus Italien, der Türke Fatih Arda Ipcioglu, der Rumäne Mihnea Spulber und die Slowakin Tamara Mesikova. Zajc ist bei der Voerschanzentournee nun der fünfte.
Der 43 Jahre alte Hafele hat sich gegen Ende seiner Karriere seine Anzüge selbst geschneidert und war danach 17 Jahre als Servicemann für Team Österreich und drei Winter für die polnische Mannschaft zuständig. Er habe lange darauf hingearbeitet, den Job, den er nun macht, zu erhalten: „Ich habe bereits vor zehn Jahren begonnen, mir Gedanken darüber zu machen, wie man die Kontrollen effektiv gestalten kann.“
Für seine Arbeit erhält er nicht nur von Bauer großes Lob, sondern von allen Nationaltrainern, dazu gehört auch der Slowene Robert Hrgota. In Garmisch erwischte Hafele während der Qualifikation für das Neujahrsspringen übrigens mit Halvor Egner Granerud einen weiteren Topspringer. Er kommt aus Norwegen.
