Wer seinen Sport mit einer selten erlebten Souveränität beherrscht, wer dazu seine Konkurrenten mit eleganten, ästhetisch anspruchsvollen Flügen um Längen bezwingt und dann auch noch Domen heißt, braucht sich über den Spitznamen „Domenator“ nicht zu wundern.
Der Skispringer Domen Prevc hob also am Neujahrstag nach der Landung im Olympiastadion von Garmisch-Partenkirchen beide Arme in den klaren Nachmittagshimmel, verbeugte sich vor dem Publikum, spreizte Zeige- und Mittelfinger seiner Hände und deutete damit an: zweiter Wettkampf der 74. Vierschanzentournee, zweiter Sieg. Doch Prevc gewann nicht nur, wie zuvor auch in Oberstdorf zum Auftakt der Springer-Serie, er deklassierte die Konkurrenz sogar zum zweiten Mal in Folge.
Domen Prevc gewann sieben der letzten acht Springen
Der Abstand zum Tageszweiten am Neujahrestag, dem Österreicher Jan Hörl, betrug 15,4 Punkte, das entspricht 8,5 Weitenmetern. Prevc stand im ersten Durchgang mit 143 Metern den weitesten Sprung des Tages von der Großen Olympiaschanze, im zweiten legte er bei schwierigen Windbedingungen noch mal 141 Meter nach. Nur der drittplatzierte Österreicher Stephan Embacher sprang im Finale noch einen halben Meter weiter.
Am Ende aber blieben ein Staunen und Raunen der Zuschauer im mit 22.000 Besuchern ausverkauften Stadion: Prevc fliegt mit Ruhe und Chuzpe, gerade verschiebt er die Grenzen seines Sports. Er gewann sieben der letzten acht Weltcup-Springen. Das ist unglaublich.
In der Tournee-Gesamtwertung hat der Slowene nun nach zwei von vier Stationen 35 Punkte mehr als Hörl. Das ist unter normalen Umständen und bei fairen Bedingungen kaum noch aufzuholen. Denn 35 Punkte nach zwei Springen sind eine Welt im Skispringen, in Metern umgerechnet beträgt Prevcs Vorsprung vor den beiden noch ausstehenden Tournee-Springen in Innsbruck (4. Januar) und Bischofshofen (6. Januar) nun knapp 20 Meter.
„Der Sieg hier in Garmisch-Partenkirchen bedeutet mir viel“, sagte Prevc nach der Siegerehrung. Und fügte an: „Ich hoffe, ich kann es nun so weiterlaufen lassen. Gerade jedenfalls genieße ich meine Leistung.“ Warum aber ist er derzeit so überlegen und der Rest völlig chancenlos? Prevc antwortet: „Ich arbeite konsequent, hart und viel. Seit April 2025 jeden Tag.“
Felix Hoffmann Sechster, Philipp Raimund Siebter
Zwei Springen, zwei Siege – den Favoriten für Innsbruck und Bischofshofen ausfindig zu machen, ist angesichts dieser Konstellation eine leichte Übung: Prevc dürfte auch dort kaum zu bezwingen sein. Er wäre damit nach Sven Hannawald (2002), dem Polen Kamil Stoch (2018) und dem Japaner Ryoyu Kobayashi (2019) der vierte Springer, dem der sogenannte Grand Slam in einem Winter gelänge. Daran aber denke er gerade gar nicht, erzählte Prevc, er sagt: „Ich muss einfach das beibehalten, was mich gerade stark macht.“
Im Schatten von Prevc landeten am Donnerstag die beiden besten deutschen Skispringer. Felix Hoffmann, in Oberstdorf noch Dritter, belegte in Garmisch Rang sechs. Philipp Raimund, der Vierte von Oberstdorf, beendete den Wettkampf im Werdenfelser Land als Siebter.
Mit diesen Leistungen „in einer hochklassigen Konkurrenz“ war Bundestrainer Stefan Horngacher, „sehr zufrieden. Das war gut.“ In der Gesamtwertung der Tournee wird Hoffmann nun auf Platz vier geführt, ihm fehlen schon 46,6 Punkte auf Prevc, aber nur 11,6 beziehungsweise 4,9 auf Hörl und Embacher, den ersten Verfolgern des slowenischen Schanzen-Herrschers.
Platz zwei ist damit durchaus noch in Reichweite für den 28 Jahre alten Hoffmann, den überraschend konstanten Thüringer, der erst in dieser Saison den Durchbruch in Horngachers A-Team geschafft hat. Raimund ist Sechster in dieser Wertung, auch er besitzt noch Kontakt zu den Podiumsplätzen.
„Domen Prevc zeigt brutal gute Sprüngee“
Raimund findet seine Sprünge und seine Leistungen derzeit „saustabil, das macht mich happy“. Gleichwohl fragt er sich, „wo die fehlenden 15 Meter zu Domen Prevc sind. Es ist krass zu sehen, wie groß der Abstand zu ihm ist. Das ist einfach krank, was er derzeit macht. Er zeigt brutal gute Sprünge, er verfügt über ein Fluggefühl, von dem man nur träumen kann“.
Hoffmann beklagte wiederum, dass sein zweiter Absprung „ein bisschen knapp an der Kante war, deshalb fehlte mir das letzte Quäntchen Energie im Flug“. Es reichte im finalen Durchgang dennoch für 136 Meter: „Das ist immer ein gutes Zeichen, wenn du trotz deiner nicht besten Sprünge vorne dabei bist.“
Horngachers Sorgenspringer Karl Geiger und Andreas Wellinger zeigten sich in Garmisch gegenüber Oberstdorf deutlich verbessert. Für den zweiten Durchgang der besten 30 Springer reichte es zwar erneut nicht, aber die Plätze 32 (Wellinger) und 33 (Geiger) sind ein Aufwärtstrend. „Sie sind deutlich besser gesprungen als zuletzt“, findet Horngacher. Wellinger und Geiger bleiben mit Pius Paschke, Raimund und Hoffmann in dem deutschen Fünfer-Team, das die Tournee am Sonantag in Innsbruck fortsetzen wird.
Für Aufregung sorgten in Garmisch erneut drei Disqualifikationen. Wie schon in Oberstdorf erwischte es dabei erneut den Slowenen Timi Zajc, der im Allgäu als Zweiter nach einem Verstoß gegen die Anzugregeln aus dem Klassement gestrichen worden war. Wieder war sein Sprung-Suit am Bein zu kurz, diesmal um vier Millimeter, in Oberstdorf waren es noch drei. Zajc erhält nun nach zwei Ausschlüssen eine gelb-rote Karte und darf bei den beiden nächsten Springen nur zuschauen. Die Tournee ist für ihn beendet.
Skispringerin Nika Prevc gewinnt „Two-Nights-Tour“
Die slowenische Skispringerin Nika Prevc hat auch die dritte Ausgabe der „Two-Nights-Tour“ für sich entschieden. Einen Tag nach ihrem deutlichen Sieg in Garmisch-Partenkirchen rettete die 20-Jährige an Neujahr mit Platz vier in Oberstdorf den Erfolg in der Gesamtwertung. Prevc sprang 105 und 128,5 Meter. Der Tagessieg ging an Abigail Strate aus Kanada. Bereits in den vergangenen beiden Jahren hatte Prevc das im Dezember 2023 eingeführte Event für sich entschieden.
Selina Freitag sprang 128 und 118 Meter und belegte als beste Deutsche am Oberstdorfer Schattenberg den dritten Platz. In der Gesamtwertung der „Two-Nights-Tour“ reichte dies für Platz zwei, nachdem Freitag in Garmisch-Partenkirchen als Zweite ebenfalls aufs Podest gesprungen war.
Auch Agnes Reisch (9.), Lokalmatadorin Katharina Schmid (11.) und Juliane Seyfarth (16.) schafften es vor 3.000 Zuschauern ins Finale der besten 20 Springerinnen. Für Schmid war es das letzte Heimspiel in Oberstdorf, bevor sie am Ende des Olympia-Winters ihre glorreiche Karriere beendet. Sie erhielt im Auslauf einen kleinen Blumenstrauß. „Ich freue mich einfach“, sagte Schmid unter Tränen im ZDF.
Die „Two-Nights-Tour“ mit Wettbewerben auf den beiden deutschen Schanzen der Vierschanzentournee wurde zum dritten Mal ausgetragen. Im kommenden Jahr soll das Format von einer Vierschanzentournee für Frauen abgelöst werden. Das Traditionsevent um den Jahreswechsel findet in diesem Winter zum 74. Mal ausschließlich für Männer statt. (dpa)
