Stuttgart 21: Wo findet man den Weg durch die vielen Baustellen?

Stuttgart war einst berühmt für seine Reinlichkeit. Wer die Stadt nicht kannte, wusste doch, mit welchen Begriffen sie in Verbindung gebracht werden wollte: Mercedes, Bosch, Kehrwoche. Seit einigen Jahren bietet ihr Zentrum allerdings einen unauskehrbaren Anblick: überall Schutt, Berge von Abraum. Als habe ein im Untergrund wühlender Riesenkrake an weit auseinanderliegenden Stellen mit seinen Armen die Erdoberfläche durchstoßen.

Zentrum der Verwüstung ist der Hauptbahnhof. Er wurde bei laufendem Betrieb tranchiert und unterhöhlt, es wird bekanntlich dem alten, von Paul Bonatz entworfenen Bau ein neuer Tiefbahnhof wie eine Schublade untergeschoben. Stuttgart 21 heißt das Milliardenprojekt, welches die Bürgerschaft seit vielen Jahren in Bann hält.

Die Stadt macht sich, wie man so sagt, fit für die Zukunft, aber ihren Bewohnern erscheint es eher, als implodiere sie in Zeitlupe. 2,6 Milliarden Euro sollte der Bau nebst seinen die Stuttgarter Hügel durchbohrenden Tunneln ursprünglich kosten, nun wird von mindestens elf Milliarden gesprochen. Im Februar 2010 begann die Arbeit, deren Sinn von vielen Kritikern bestritten wird; mit ihrer Vollendung ist noch länger nicht zu rechnen. Unmittelbare Folge für Zugreisende: Über die Aushublandschaft des Bahnhofsviertels hinweg werden die Passagiere mittels eines geisterbahnhaften Rampensystems in die City beziehungsweise zu den Bahnsteigen geleitet.

Der Trichter für die Massen hat etwas von einem Kamin an sich, er ist ziemlich eng und erstaunlich steil, und er führt das Volk in Knicken und Steigungen zu den Zügen hinauf – in weitem Bogen am alten Bahnhofsbau vorbei. Während der Stoßzeiten ist diese Gangway erfüllt vom Getrappel Tausender Stiefel und dem Kollern der Rollkoffer, eine Stampede der Pendler lässt das Bauwerk erzittern, die Szenerie hat etwas Gehetztes.

Durch einen Mittelstreifen werden die auf- und absteigenden Massen voneinander getrennt; das Ganze erinnert an eine deutsche Autobahn, und wie bei dieser sitzt auch hier jedem gemächlichen Reisenden ein Raser, gewissermaßen ein Mensch gewordener Porsche Cayenne, im Nacken, es fehlen eigentlich nur die Lichthupen.

Die Stadt macht sich, wie man so sagt, fit für die Zukunft, aber ihren Bewohnern erscheint es eher, als implodiere sie in Zeitlupe. © Getty Images

Wer in einem der Städtchen des Speckgürtels wohnt und ins teure Stuttgart pendelt, der absolviert diesen Auf- beziehungsweise Abstieg Hunderte Male im Jahr, Tausende Male in seinem Leben. Der Weg durch die Tunnelrampe wird auch Stuttgarter Jakobsweg genannt und kostet selbst austrainierte Herrschaften beträchtliche Kalorien, je nach Kondition dauert der Marsch zum Zug fünf bis zwölf Minuten länger als früher. Das summiert sich für viele Leute zu Tausenden von Bahnhofsbonusmeilen, die sie zu Fuß zurücklegen.

Wenn man Stuttgarter fragt, mit welchen Gefühlen sie den Aufstieg bewältigen, hört man erstaunlich vielfältige Antworten: Manche verfluchen täglich die Politiker, die das Projekt vor Jahrzehnten beschlossen haben; andere reden von Kafkas Schloss, denn je länger sie mit dem unfertigen Bahnhof konfrontiert sind, desto mehr schwindet ihre Hoffnung, ihn je vollendet zu sehen; und einige fürchten sich sogar vor dem Moment, da ihnen dieser tägliche Bußweg nicht mehr zur Verfügung steht, denn irgendwann wird, wer weiß, vielleicht sogar der neue Stuttgarter Bahnhof eröffnet werden.

Doch so weit ist es noch nicht. Vielleicht noch lange nicht.

Vorerst gilt: Wer mit dem Zug hier ankommt, spielt zwangsläufig in einer Performance namens „Deutschland steht still“ mit; er darf als kleiner Statist eine Großmetapher illustrieren. Die Stuttgarter Gangway, inmitten des Baugetümmels unter ewigen Stiefelschritten hallend, ist das eigentliche Wahrzeichen dieser Stadt: Symbol einer leider verbockten Zukunft.

Die meisten Reisenden, so wirkt es, zelebrieren diesen Zustand. Sie marschieren mit dem Gesichtsausdruck zuversichtlicher Resignation nach oben. In gefasstem schwäbischem Grimm. Als wollten sie sagen: Das ist unsere Stadt, von ihr lassen wir uns nicht kleinkriegen. Man muss sich Sisyphos als einen glücklichen Stuttgarter vorstellen.