In Baden-Württemberg will die CDU einen bürgerlichen Aufbruch: aber mit wem?

Landtagswahlen hatten in der Geschichte der Bundesrepu­blik häufig weitreichende Auswirkungen auf die Bundespolitik. Oft ist über politische Karrieren und Koalitionskonstellationen entschieden worden. Im März 2026 wird in Baden-Württemberg ein neuer Landtag gewählt.

Auch von dieser Wahl hängt viel ab: Die nächste Regierung muss die Transformationskrise des Autolandes managen und das Land in eine neue industrielle und wirtschaftliche Zukunft führen. Das Modell, dass in Stuttgart die großen vier – Daimler, Bosch, Audi und Porsche – für ein hohes Wohlstandsniveau sorgen und in den ländlichen Regionen Weltmarktführer den Menschen Arbeit und ein gutes Einkommen sichern, steht zur Disposition.

Lust auf Neues?

Nach 15 Jahren unter Führung der Grünen ist der Modernisierungsbedarf groß. Ministerpräsident Winfried Kretschmann gab das kürzlich unumwunden zu, als er sagte, die Geisteshaltung müsse jetzt „Lust auf Neues“ heißen. Eigentlich müsste es bei dieser Wahl tatsächlich um Landespolitik gehen und die Frage, wer hierfür das bessere Konzept und politische Management anbietet: der CDU-Kandidat Manuel Hagel oder der Grüne Cem Özdemir. In der Bildungs-, Wirtschafts- und Wissenschaftspolitik gibt es Reformbedarf.

Aber in Wahlkämpfen verrutschen oft die politischen Proportionen und Ebenen, und somit schwebt auch über dieser Wahl die Leistungsbilanz der Bundesregierung. Sollte die CDU erfolgreich sein, wird ein junger Ministerpräsident Hagel ein wichtiges Wort mitreden wollen, wenn es um die Zukunft seiner Partei geht.

Für die Grünen hängt ihre realpolitische Zukunft von Baden-Württemberg ab. Gelingt es der Partei, wieder in Regierungsverantwortung zu kommen, hätte Özdemir noch einmal die Chance, ein neues Verständnis von grüner Realpolitik zu entwickeln, sicher nicht ohne Wirkung auf die Bundespartei. Vielleicht als Innen­minister.

Für die FDP geht es um alles oder nichts. Verfehlt die Partei den Einzug in den Landtag, hat sie auch national wohl keine Zukunft mehr. Ein Einzug der Linkspartei würde der SPD und Grünen dauerhaft das Leben erschweren.

Sollte die AfD in die Nähe der CDU rücken oder sogar stärker werden, wäre das für Friedrich Merz ein fatales Signal. Nirgendwo sonst hatte Merz so viele Unterstützer wie im Südwesten. Dass große Teile der Wirtschaft in Bundeskanzler Merz übertriebene Hoffnungen gesetzt haben und sie sich nun enttäuscht von der CDU abwenden, macht der Partei schon jetzt zu schaffen.

Das zeigt Hagels Verbrüderung mit der Jungen Union in der Rentenfrage. Hagel will sich als konservativer Reformer profilieren, will bekannt werden. Er fürchtet, dass ihm die schlechten Umfragewerte der Bundesregierung in den Abgrund ziehen könnten. Ein braver Kanzlerwahlverein ist die CDU unter dem Druck der AfD nicht mehr. Hagel formuliert Reformerwartungen und versucht ein Zukunftsbild seines Landes zu zeichnen. Das wird die AfD nicht davon abhalten, der CDU beständig Wählertäuschung vorzuwerfen und eine national-rechtspopulistische Abstiegserzählung zu verbreiten.

Zweifronten-Wahlkampf

Nach derzeitigen Umfragen standen die Chancen für die CDU, wieder eine Regierung zu führen, schon lange nicht mehr so gut, allerdings beruht das auch auf der Schwäche der Grünen im Bund. Ob Özdemir mit einer nur auf die Mitte der Gesellschaft zielenden Kampagne die Stimmung zu seinen Gunsten wenden kann, wird sich erst kurz vor der Wahl zeigen.

Doch wie schon oft, muss die CDU wieder einen Zweifronten-Wahlkampf führen: Einerseits suggeriert man, dass die Grünen, mit denen man zehn Jahre gut regiert hat, kein guter Partner mehr sein könnten, andererseits probiert man, sich von der AfD hart abzugrenzen und sie manchmal rechts zu überholen. Das Dilemma besteht darin, dass ein mögliches Sechsparteienparlament mit CDU, Grünen, FDP, SPD, Linken und AfD die Mehrheitsbildung extrem erschweren könnte.

Hagel könnte am Ende nur einen einzigen Koalitionspartner haben, nämlich die Grünen. Möglicherweise muss er noch die SPD dazu bitten. Sein Versprechen, das Land mit einem „bürgerlichen Aufbruch“ wieder in an die Spitze zu führen, bleibt somit vage: Denn für eine „Deutschland-Koalition“ aus CDU, FDP und SPD zeichnet sich keine sicherere Mehrheit ab; zumal sich FDP und SPD in einer existenziellen Krise befinden.

Bei einem Haushaltsdefizit von fünf Milliarden Euro ist es herausfordernd, stabil zu regieren. Ein künftiger Ministerpräsident braucht starke Nerven, er sollte das Regierungshandwerk beherrschen. Gut möglich, dass der ehemalige CDU-Landesvorsitzende Thomas Strobl zur Herbeiführung einer Koalition mit den Grünen nach der Wahl noch einmal gebraucht wird.