Eigentlich würde Mohammed Alhashami jetzt mit seinem Rennradteam durch Bahrain fahren. Stattdessen schaukelt er auf einem E-Bike entlang der alten Wasserkanäle von Nizwa, einer omanischen Oasenstadt an den Ausläufern des Hadschar-Gebirges, rund 180 Kilometer weiter im Landesinneren als die Hauptstadt Maskat. Alhashami ist klein, gertenschlank und war mal die Nummer drei im Radrennsport des Omans, aber vor allem ist er Omaner und findet, dass sein Land noch viel zu wenige Menschen kennen. Deshalb begleitet er eine Gruppe Deutscher auf ihren E-Bikes durch den Nordosten seines Landes. Abends sind es noch immer 25 Grad, zu warm, selbst für das Wüstenklima, und man fragt sich: Warum fährt man hier Rad?
Warum wir hier Rad fahren, ist klar. Die erfolgreichste E-Bike-Reise des Veranstalters Belvelo verläuft durch Marokko. Teilnehmende schwärmen vor allem von der Überquerung des Atlasgebirges, von der rauen, kargen Felslandschaft und dem weichen, vom aufgewirbelten Saharasand gefilterten Licht. Der Nordosten Omans ist klimatisch zwar etwas schwüler, aber landschaftlich ähnlich und touristisch noch wenig erkundet. Parallel zur Küste verläuft das Hadschar-Gebirge aus schroffem, hellem Kalkstein, und unsere Tour führt uns hinein und hindurch.
Viele Omaner auf Rädern treffen wir dabei nicht. Einmal begegnen wir einer kleinen Gruppe von Männern auf klapprigen Drahteseln, die in ihrer abgetragenen Kleidung aussehen, als seien sie Gastarbeiter vom nur zwei Flugstunden entfernten indischen Subkontinent. Können Omaner überhaupt Rad fahren? „Natürlich!“, Alhashami ist empört. Er hat vor einigen Jahren einen Fahrradladen aufgemacht, anfangs nur mit Kinderrädern. „Aber die meisten fahren nur Rad, bis sie ihren Führerschein machen, und dann nie wieder.“ Das liegt nicht nur daran, dass Benzin günstig ist, sondern auch daran, dass der Oman nur dünn besiedelt ist. In Deutschland leben 237 Menschen auf einem Quadratkilometer Fläche, im Oman sind es gerade mal 16. Allerdings ist das nur ein Durchschnittswert, 88 Prozent der Omaner leben in Städten, zwischen ihnen erstrecken sich weite, leere Landstriche. Gerade sie machen das Radfahren anziehend und zugleich nicht besonders alltagstauglich.
Zwischen beigem Gestein und schillernd grünen Oasen
Alhashami aber hat trotzdem nie damit aufgehört, und sehr langsam begeistern sich auch andere dafür. Seit 2017 gibt es die Tour de Oman, ein Rennen, bei dem im Februar mehrere Hundert Radfahrer 900 Kilometer in fünf Tagen durch das Land zurücklegen. Es ist ein Straßenrennen, und auch wir fahren überwiegend auf Straßen, auf kleinen Nebenstraßen, aber auch auf den sehr breiten Randstreifen von Schnellstraßen. Es gibt kaum Verkehr, viele der Fahrer hupen und winken uns begeistert zu. Die größten Gefahren sind die Dromedare am Straßenrand, wegen deren wir uns den Kopf verdrehen.

Die Route führt uns hinein in die Berge, durchzogen von Flussläufen, eine Szenerie der sanften Kontraste zwischen beigem Gestein und schillernd grünen Oasen voller Zedern und Dattelpalmen. Immer wieder sehen wir Ziegen mit langhaarigem Fell, kauend, es bleibt unklar, was sie kauen. Und vorneweg Alhashami, sein Rücken nimmt im Laufe der Tage die gleiche Konstanz an, die auch die Landschaft ausstrahlt, eine lethargische Trägheit, in der sich die Zeit dehnt.
Downhillrennen durch eines der ältesten Dörfer
Wir sitzen nicht immer auf dem Rad, zwischen den Abschnitten oder wenn es zu heiß wird, steigen wir in Autos um. Wir cruisen über die Dünen von Wahiba Sands, setzen uns oben an den Rand, trinken Tee und schauen der Sonne zu, wie sie hinter dem Horizont verschwindet. Einige Pfade sind so unzugänglich, dass wir sie laufen. Unterhalb des Jebel Shams, des höchsten Bergs Omans, verläuft auf 2000 Meter Höhe ein Wanderweg entlang eines Canyons, dem Wadi Nakhar. Über Jahrmillionen hat sich ein Flusslauf tief in das Gestein geschnitten und dabei kantige Skulpturen herausgearbeitet. Am anderen Ende des Wadis liegt eines der ältesten Dörfer des Omans, Misfat Al-Arbreen. Alte Lehmhäuser schmiegen sich an den Hang, so eng, dass sie von oben aussehen wie ein Haufen achtlos hingekegelter Bausteine. Viele Treppen führen hinab und herauf und drum herum, die Gassen so eng, dass zwei Menschen einander kaum passieren können, ohne sich zu berühren. „Auch hier kann man Rad fahren“, sagt Alhashami, während er einer Bergziege gleich über die Treppen springt, „es gibt hier ein Downhillrennen. Kann man auf Youtube anschauen. Als ich jung war, bin ich es auch gefahren.“

Jetzt aber fährt Alhashami mit seinen Gästen durch Nizwa, mit Straßen so schmal, man würde mit dem Auto nicht durchfahren wollen, aber für die E-Bikes sind sie perfekt. Mohammed, der Freund von Alhashami, winkt einigen Jugendlichen auf Rädern. „Meine Schüler. Sie haben noch keinen Führerschein.“ Er kichert, während er freiwillig in die Pedale tritt, haben sie keine andere Wahl. Nizwa ist natürlich gewachsen und wie ein Organismus verschlungen, verwachsen, untergraben. Nichts ist gerade, Wege nehmen unerwartete Wendungen, führen einfach durch den Innenhof eines Hauses. „Viermal in der Woche fahren wir“, sagt Mohammed, der Freund von Alhashami, „meist um 5.30 Uhr morgens.“ Er ruft den anderen etwas auf Arabisch zu, jeder zeigt in andere Richtungen. Es ist eine gute Kulisse für einen James-Bond-Film, für eine der Szenen, in denen Bond vor seinen Verfolgern fliehen muss und immer tiefer in das Labyrinth der Gassen eindringt – bis er irgendwann einfach verschwunden ist: in den Kanälen darunter.
Das Kanalsystem Falaj Daris ist Teil des Afladsch-Bewässerungssystems, über 2000 Jahre alt, und zählt zum UNESCO-Weltkulturerbe. Wir fahren über Brücken, entlang riesiger Gärten, in denen Palmen den Schatten für das Gemüse darunter spenden. Ist das immer noch die Stadt?, fragt man sich, bevor einen das Gewirr der Wege verschluckt und in belebteren Gegenden wieder ausspuckt. „Was meinst du?“, fragt Mohammed, der Freund von Alhashami, „wie viele Kilos werde ich nach unserer Tour abgenommen haben?“ Und wie viele Menschen werden ihn dabei gesehen haben?

