Deutscher Tierschutzpreis: Christiane Haupt rettet Mauersegler

Bevor Garibaldi neue Federn bekommt, spritzt Christiane Haupt ihm einen Cocktail aus Ketamin und Diazepam. Sediert, mit ausgebreiteten Schwingen, liegt der Vogel in ihrer Hand, bräunlich-schwarz schimmert das Gefieder unter dem Licht der Schreibtischlampe. Nur ein kaum merkliches Zittern des Brustkorbs verrät, dass sein kleines Herz noch schlägt.

Vor Haupt auf dem Tisch verteilt: diverse Scheren und Pinzetten, Nadeln, eine Kiste mit Schmirgelpapier, eine Box mit Q-Tipps und eine Tube Sekundenkleber. Auf einem Tablett links von ihr warten bereits Garibaldis 26 neue Federn, gespendet von einem Vogel, der weniger Glück hatte. Fein säuberlich liegen sie aufgereiht: die bei den Mauerseglern auffällig langen äußeren Handschwingen, die kürzeren Armschwingen, die sich mittig der Flügel befinden, und die Steuerfedern, die den Schwanz bilden.

Die Tierärztin hat das „Schiften“, wie die jahrhundertealte Tech­nik des Federtauschs im Fachjargon heißt, vor 30 Jahren aus der Falknerei adaptiert. Eine Methode, die außer ihr weltweit nur zwei andere Menschen beherrschen dürften – beide hat sie selbst angelernt. Über die Jahre hat Haupt die Technik in der Mauerseglerklinik in Griesheim, der wohl weltweit einzigen Pflege- und Auffangstation für Mauersegler, perfektioniert.

Die neuen Feder für Mauersegler Garibaldi liegen schon bereit.
Die neuen Feder für Mauersegler Garibaldi liegen schon bereit.Ben Kilb

Allein in den vergangenen 15 Jahren hat sie mehr als 25.000 Federn getauscht. Routiniert nimmt sie eine der zerrupften Schwungfedern am linken Flügel des Vogels zwischen Daumen und Zeigefinger, kontrolliert, dass sie auch keine der dahinterliegenden Deckfedern erwischt, und durchtrennt den Federkiel mit einem einzigen Schnitt der Schere an der markierten Stelle. Mit einer feinen Nadel schiebt die Einundsechzigjährige das weiche Mark im offenen Federkiel zur Seite, um Platz für den Carbonstab, die „Schiftnadel“, zu schaffen, die die neue Feder im Kiel verankern soll.

Faszination erwacht während ihres Ehrenamts im Tierschutz

Die Geschichte von Christiane Haupt und den Mauerseglern begann mit einem ganz anderen Vogel: Als sie eine verletzte Taube fand, lernte sie Anfang der Neunzigerjahre die Tierschützerin Ingeborg Polaschek kennen, die im hessischen Linsengericht bei Gelnhausen eine Auffangstation für Vögel und Kleintiere betrieb. Haupt, die 1964 in Burg auf der Nordseeinsel Fehmarn geboren und in einem Dorf bei Lübeck aufgewachsen ist, war einige Jahre zuvor nach Frankfurt gekommen, um sich an der damaligen Westend-Schule zur Grafikerin ausbilden zu lassen.

Neben ihrer Arbeit in einer Werbeagentur engagierte sie sich im Tierschutz. Als sie wenig später in der Pflegestelle das erste Mal Mauersegler aus der Nähe betrachten konnte, sei etwas passiert. „Das Erste, in das ich mich verliebt habe, waren diese wunderbaren großen, dunklen Augen.“ In diesem Moment sei eine Faszination erwacht, die ihr Leben fortan bestimmen sollte. „Es hat etwas Magisches, wenn so eine Leidenschaft geboren wird.“

Sie habe sich in die „wunderbaren großen, dunklen Augen“ verliebt, sagt Christine Haupt.
Sie habe sich in die „wunderbaren großen, dunklen Augen“ verliebt, sagt Christine Haupt.Ben Kilb

In ihrem Arbeitszimmer nimmt Haupt eine der vorbereiteten Federn vom Ta­blett und raut den Carbonstab mit Schmirgelpapier an, bestreicht ihn mit Sekundenkleber und schiebt ihn vorsichtig in die Öffnung des abgeschnittenen Federkiels. Ein dünner Papierstreifen schützt das darunterliegende Gefieder. Vorsichtig arretiert sie die Feder. Bei den zierlichen Vögeln kommt es auf jeden Millimeter an: Schon geringste Fehlstellungen können die Flugfähigkeit der Vögel beeinflussen, die nahezu ihr gesamtes Leben hoch oben über der Erde verbringen. Ein kaputter Flügel kommt einem Todesurteil gleich.

Der Vogel auf ihrem Tisch sei Opfer von Baumaßnahmen geworden, sagt Haupt. Gerade weil Nistplätze streng geschützt sind, würden Hausbesitzer immer wieder vollendete Tatsachen schaffen: „Egal ob Babys oder Brutvögel im Nest sind – man zerstört oder verschließt die Nistplätze einfach und entledigt sich so des Problems.“ Das träfe nicht nur Mauersegler, sondern auch andere Gebäudebrüter wie Sperlinge und Schwalben, aber auch Fledermäuse. „Als Garibaldi zu uns kam, war der Arme komplett mit Bauschaum verklebt“, sagt Haupt. Während er sich habe retten können, sei sein Partner wahrscheinlich mit den Eiern zurückgeblieben – und erstickt.

Für den Eingriff werden die Mauersegler betäubt. Nur, wenn sie absolut ruhig liegen, kann die handwerklich anspruchsvolle Arbeit gelingen.
Für den Eingriff werden die Mauersegler betäubt. Nur, wenn sie absolut ruhig liegen, kann die handwerklich anspruchsvolle Arbeit gelingen.Ben Kilb

Im Vogelzimmer ist Haupts Mitarbeiter Sébastien Mercier mit dem Füttern beschäftigt. Paarweise sitzen oder hängen die Tiere an den Wänden in durchsichtigen Plastikkisten zusammen. Mit ihren großen Augen schauen sie aus ihren behelfsmäßigen Nestern, es ist kaum ein Pieps zu hören. Etwa zehn Kilo Futter verfüttert die Pflegestation allein in einer Woche, etwa eine halbe Tonne im Jahr. Die Personal- und Futterkosten verschlingen einen großen Teil des knappen Budgets. Möglich macht das auch die Stiftung pro Artenvielfalt, die Haupts Stelle seit vielen Jahren finanziert. „Ohne die wären wir schon längst eingegangen“, sagt die Tierärztin.

Trotzdem sei die „Mauerseglerklinik“ dringend auf Spenden angewiesen. Die diesjährige Saison hat Spuren hinterlassen: Noch Anfang November, lange nachdem sich die Vögel in den Süden aufgemacht haben, kümmert sich die „Mauerseglerklinik“ um rund 150 Vögel. Es werde jedes Jahr schlimmer, sagt Haupt. „Aber so etwas habe ich noch nicht erlebt.“ Im Sommer habe die Station in der Spitze 500 Mauersegler betreut. „Irgendwann mussten wir das Telefon abstellen.“

Auch Mauersegler aus dem Ausland werden zu ihr gebracht

Aus ganz Deutschland, aber auch aus dem Ausland, brächten Pflegestellen und Tierschützer Mauersegler zu ihnen nach Griesheim, zuletzt auch immer wieder aus der Ukraine. Nicht nur Kämpfe aufgrund schwindender Nistplätze setzen den Vögeln zu, auch die zunehmende Hitze hat katastrophale Folgen. Im Sommer verwandelten die Temperaturen schlecht isolierte Nistplätze direkt unter den Dächern in regelrechte Backöfen. Auf der Suche nach Abkühlung stürzten sich die Jungvögel nicht selten aus den Nestern. Hinzu kämen Gefiederschäden: Ist es über einen längeren Zeitraum zu heiß, können sich bei Jungtieren die Federn nicht richtig entwickeln, erklärt die Tierärztin.

Im Flugzimmer darf Garibaldi seine ersten Flugstunden absolvieren. Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin der Klinik begleitet die ersten Flügelschläge.
Im Flugzimmer darf Garibaldi seine ersten Flugstunden absolvieren. Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin der Klinik begleitet die ersten Flügelschläge.Ben Kilb

Während die Auffangstation Jungvögel früher oft nach kurzer Zeit in die Freiheit entlassen konnte, müssten sie sie heute oft monatelang versorgen. Bei manchen klappe der eigenständige, aber langwierige Gefiederwechsel, bei anderen helfe nur eine OP, und bei wieder anderen bleibe der Ärztin nichts anderes übrig, als die Vögel einzuschläfern.

Die Nachzügler, die wie Garibaldi den Vogelzug durch den Klinikaufenthalt verpassen, bringt Haupt mehrmals im Winter persönlich in den Süden. Sollte die OP gelingen, könne auch er schon Mitte Dezember mit ihr die Reise auf die Kanarischen Inseln antreten, sagt Haupt, und von dort in Richtung seines Winterquartiers auf dem afrikanischen Kontinent weiterziehen.

In Griesheim ist die Ärztin rund um die Uhr beschäftigt. Sie operiert und füttert oft bis in den Morgen hinein. Ihre Wohnung in der Kuhwaldsiedlung in Bockenheim habe sie seit Wochen nicht gesehen, sagt sie. Meist schlafe sie einfach zwei bis drei Stunden auf dem Hochbett in ihrem Arbeitszimmer – trotz ihrer fortschreitenden Skoliose.

Mit den Jahren hat die Krankheit ihren Körper gezeichnet. Ihr Rücken ist krumm, ihre Bewegungen steif. „Ich schnaufe schon wie ein Esel, wenn ich nur die Treppe hochmuss“, sagt Haupt. „Ich weiß nicht, wie lange das noch gut geht“, aber achtzig Jahre alt werde sie sicher nicht, das wisse sie.

Doch ans Aufhören will sie nicht denken. Eine Nachfolge zu finden, sei schwer, eigentlich unmöglich bei ihrem Pensum. „Wer würde das denn machen, bei Arbeitszeiten von 20 Stunden am Tag?“, sagt sie. Im Rahmen eines normalen Arbeitstages sei das schlichtweg nicht zu schaffen – „da könnte ich zwei Drittel der Vögel direkt einschläfern“.

Jemanden anzulernen, koste außerdem viel Zeit, sagt Haupt, Zeit, die sie nicht habe. Doch ihr fehlt auch das Vertrauen: „Ich fürchte mich davor, dass Leute, die das einmal gesehen haben, anfangen, selbst zu experimentieren – es gibt einfach so furchtbar viele Sachen, die man falsch machen kann.“ Eigentlich, sagt sie, müsste sie ein Buch schreiben, um all ihr Wissen niederzulegen, doch bloß wann?

Nach zwei Stunden ist die Operation geschafft, friedlich ruht Garibaldi in ihrer Hand. Bevor für ihn in zwei Tagen die Flugstunden beginnen, darf er sich ausruhen. Haupt, die die Namen all ihrer Patienten persönlich aussucht, streicht über seine neuen Federn: „Der Federspender hieß Janna“, sagt sie, „und auf diese Weise wird auch er noch mal starten.“

Christiane Haupt erhält am Freitag, 28. November, in Berlin den Deutschen Tierschutzpreis für ihr Lebenswerk.