Zum Wiesen-Auftakt: TSV 1860 München blamiert sich gegen Hoffenheim II – Sport

Kevin Volland hatte nur wenige, aber umso deutlichere Worte parat für das, was vorgefallen war: „Bitterer geht es fast gar nicht. Das war ein grottenschlechtes Spiel von uns allen“, schnaufte der 33-Jährige kurz nach Abpfiff: „Wir geben uns eigentlich nach der zehnten Minute auf, finden überhaupt nicht ins Spiel“. Es reichte ein Blick auf die Ränge, um das Ausmaß dessen zu verstehen, was Volland da ansprach: Die Fans vom TSV 1860 München riss es schon eine Viertelstunde vor Spielende fluchtartig aus den Sitzschalen und raus aus dem Stadion. Viele von ihnen standen wahrscheinlich schon auf der Rolltreppe zur U-Bahn-Station am Wettersteinplatz, als Hoffenheims Stürmer Ben Opoku Labes in der 80. Minute das fünfte und letzte Mal einen Ball über die Sechziger Torlinie kugeln ließ.

Die herbe 1:5-Pleite der Löwen gegen den Aufsteiger TSG Hoffenheim II war nach der Niederlage in Rostock unter der Woche das nächste Giesinger Frusterlebnis. „Wenn wir so auftreten wie heute, dann kannst du nicht erwarten, Punkte zu holen. So darfst du dich nicht präsentieren, Punkt“, kommentierte Löwen-Keeper Thomas Dähne das Spiel und fügte an, seine Mannschaft habe „richtig auf die Fresse bekommen“.

Wie so oft in den vergangenen Wochen stolperte Sechzig einen Fußball zusammen, von dem selbst die besten Forensiker in München-Garching unter dem Mikroskop keinerlei Spurenelemente eines geordneten Aufbauspiels oder defensiver Stabilität entdeckt hätten. Wie im Rostocker Ostsee-Stadion am Mittwoch bot die Elf von Patrick Glöckner eine mehr als magere erste Halbzeit. Nennenswerte Münchner Schüsse gab es gleich mehrere in den ersten Spielminuten, jedoch ausschließlich Richtung Tribüne: Die Westkurve hatte zum Oktoberfest-Start eine Choreo des traditionellen „Altbayerischen Schweineschießens“ aufgefahren, inklusive passender, akustischer Untermalung der Münchner Fans.

Nach so einem Ergebnis könne man „nicht in Harmonie leben“, sagt Trainer Patrick Glöckner

Die Münchner Fußballer wiederum schafften es nicht, innerhalb der ersten 45 Minuten auch nur einen einzigen Schuss in Richtung TSG-Tor abzugeben. Zur offensiven Harmlosigkeit gesellte sich die defensive Anfälligkeit, die bisweilen die Drittligatauglichkeit so mancher Akteure an diesem Nachmittag infrage stellte. In der 39. Minute musste Dähne erstmals hinter sich greifen: Hoffenheims Angreifer Ayoube Amaimouni-Echghouyab, 20, tänzelte ohne echte Gegenwehr vom rechten Strafraumeck in die Mitte und schlenzte den Ball unhaltbar ins lange Eck.

Wenige Minuten später legte die TSG nach, mit gnädiger Mithilfe der Sechziger: Siemen Voets Rückpass auf Dähne geriet viel zu kurz, Amaimouni-Echghouyab nahm das Geschenk dankend an und schob zum 0:2 ein (45+1.). „Wir bekommen das erste Gegentor, dann das zweite und dann gehen die Köpfe runter“, beschrieb Dähne den Auftritt. Gegen einen Aufsteiger dürfe man „keine fünf Gegentore“ bekommen. Kevin Volland schlug Alarm in Bezug auf die Einstellung seiner Mannschaft:  „Uns fehlt zurzeit einfach die Energie, das Aufbäumen. Wir zerfallen viel zu einfach“, konstatierte der ehemalige Nationalstürmer.

Der Zerfall ging auch nach dem Seitenwechsel weiter. Auf den einen Hoffenheimer Doppeltäter folgte der nächste: Paul Hennrich, ebenfalls 20, schenkte Dähne die Gegentreffer drei und vier ein. Besonders Hennrichs zweites Tor offenbarte erneut eklatante Schwächen der Münchner Abwehr: Ein langer Einwurf der Gäste trudelte in den Strafraum, doch kein Sechziger fühlte sich berufen, den Ball zu klären. So stürmte Dähne aus seinem Tor, kam jedoch nicht an die Kugel; Hennrich hatte freie Bahn für sein zweites Tor (69.). Immerhin: In der 58. Minute gab Florian Niederlechner tatsächlich den ersten relevanten Torschuss der Partie für 1860 ab, in der 72. Minute traf der eingewechselte David Philipp zum 1:4.

Auf der Presserunde vor der Partie hatte Sechzig-Trainer Patrick Glöckner noch erklärt, wie eine Mannschaft, die aufsteigen wolle, spielen müsse: nicht immer spielerisch schön, sondern auch dreckig und kämpferisch. Nach dem Abpfiff am Samstagabend wirkten Glöckners Aussagen wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung: Der Spielwitz und die Kreativität fehlten vollends im Münchner Spiel, Hoffenheim kam ohne große Mühe zu Torchancen. „Jeder lange Ball war gefährlich hinter unsere Kette, nach vorn konnten wir den Stempel nie richtig aufdrücken“, sagte Volland.

Die Euphoriewelle, die zum Saisonstart noch durch Giesing geschwappt war, ist nach dem 1:5-Debakel zum Wiesn-Start wohl endgültig gebrochen, zu schwach waren die jüngsten Auftritte der Löwen. Bereits bei den Last-Minute-Punktgewinnen gegen Stuttgart II (1:1) und den TSV Havelse (3:2) hatte die Münchner Leistung über weite Strecken zu Wünschen übrig gelassen, nun ist der gute Saisonstart durch die Pleiten gegen Rostock und Hoffenheim weitestgehend verpufft, 1860 rutscht auf Tabellenplatz neun ab. Angesprochen auf die Atmosphäre im Verein befand Patrick Glöckner: „Wir sind die Ersten, bei denen die Stimmung kippt. Sie muss auch ein Stück weit kippen“. Nach so einem Ergebnis könne man „nicht in Harmonie leben“. Die gellenden Pfiffe im Grünwalder Stadion waren der passende Beleg.