In der 77. Minute produzierte Bayer Leverkusen eine Szene, die einer Fußballmannschaft als Arroganz, Überheblichkeit, Unkonzentriertheit oder alles gleichzeitig ausgelegt wird. Und bei genauer Durchsicht des Bildmaterials können nicht alle Anklagepunkte ausgeräumt werden. Der Angreifer Claudio Echeverri jedenfalls bekam kurz hinter der Mittellinie den Ball, was laut Lehrbuch ein Ort ist, an dem weder Wagemut noch Kunststückchen erwünscht sind. Echeverri allerdings ließ sich zu einer Leichtfertigkeit hinreißen, beim Stand von 1:1 zum Champions League-Auftakt beim FC Kopenhagen. Der Argentinier versuchte sich an einem Hackentrick, der sogar ganz schick ausgesehen hätte, wenn … ja, wenn der Ball nicht an Mitspielern und Gegenspielern vorbei geradewegs ins Seitenaus gerollt wäre.
Echeverri winkte ab. Einige Leverkusener Spieler winkten ebenfalls ab. Und Kasper Hjulmand, seit einer Woche Trainer der Werkself, schüttelte den Kopf. In einem lockeren Kneipengespräch wäre der Urheber der Aktion einfach nur gefragt worden: Dein Ernst, Claudio?!

:„Ich war nicht auf dem Markt“
Ganz einfach war die Einigung zwischen Kasper Hjulmand und Bayer Leverkusen nicht. Schon öfter hatte der Klub beim Dänen angefragt. Nun hat es geklappt – und der 53-Jährige steht direkt unter Zeitdruck.
Es gehörte zu den zahlreichen Geschichten des Donnerstagabends, dass es ausgerechnet Echeverri war, der an der finalen Pointe dieses wilden Fußballspiels beteiligt war. Die Nachspielzeit war angebrochen, aus dem 1:1 war kurz zuvor ein 2:1 für Kopenhagen geworden, als der Bayer-Angreifer in den Strafraum dribbelte, sich an einem Gegenspieler vorbeimogelte – und es mit einer völlig handelsüblichen Hereingabe probierte, die vom Kopenhagener Pantelis Hatzidiakos ins eigene Tor abgefälscht wurde. 2:2, Abend gerettet aus Leverkusener Sicht. Der bis dahin dröhnende Sound im Kopenhagener Parken-Stadion war plötzlich abgedreht. Und Leverkusens Trainer Hjulmand konnte nach Spielende darüber dozieren, wie wichtig die „Basics“ im Fußball doch seien, was „Charakter“ bewirken könne, wie „entscheidend“ es sei, bis zum „Schlusspfiff“ an Wendungen zu glauben.
Selten ist ein Trainer unter derart kuriosen Vorzeichen in einen neuen Job gestartet wie Hjulmand
Hjulmand reduzierte das Spiel auf dem Pressepodium auf seinen Kern, weil es bei den Leverkusenern gerade nicht anders geht. Der aktuelle Entwicklungsstand des Teams, so ließ sich Hjulmand verstehen, erfordere gewissenhafte Grundlagenarbeit. Mit Betonung auf: Arbeit. „Es sind diese Dinge, die wir definitiv verbessern müssen“, sagte der Däne, womit er eine markante Botschaft gesendet hatte. Grundlagenarbeit findet bekanntlich in der Saisonvorbereitung statt, und diese hatte nicht Hjulmand zu verantworten, sondern dessen nach wenigen Wochen vom Werksgelände gejagter Vorgänger Erik ten Hag.
So würde das der kultivierte Hjulmand niemals formulieren, er muss aber mit dem arbeiten, was ihm hinterlassen wurde. Und das war ausweislich dieser Partie in Kopenhagen eine überaus junge Fußballmannschaft, die weiterhin aus mehr oder weniger losen Fragmenten zu bestehen scheint. Nur selten stach das Talent der Leverkusener heraus, fast nie gelang es, die Talente der Spieler in einen schlüssigen Zusammenhang zu bringen. Wie unter einem Brennglas sichtbar wurde das bei Kopenhagener Umschaltsituationen: Obwohl die Werkself keinen Hochrisikofußball anstrebte, war das, was in der Defensive dabei herauskam, hochriskant. Immer wieder schafften es die Dänen, mit zwei, drei vertikalen Pässen in die Räume hinter die Dreierkette der Werkself zu gelangen. Mal wurde der Ball daraufhin in brenzliger Lage geblockt, ein anderes Mal landete eine Flanke auf der Latte. Vor dem Kopenhagener 1:0 reichte ein Steilpass, damit Lucas Vazquez auf dem Flügel abgehängt und Edmond Tapsoba in der Mitte daraufhin vom einlaufenden Torschützen Jordan Larsson genarrt werden konnte.
Die Kopenhagener verkörperten nahezu alles, was die Leverkusener nicht sein konnten: Sie waren frei im Kopf, hatten ein gewachsenes Urvertrauen in den jeweiligen Nebenmann, und sie hatten Lust daran, ungehalten nach vorn zu zocken. Die erste Hälfte, sagte Leverkusens Kapitän Robert Andrich wahrheitsgemäß, sei „überhaupt nicht gut gewesen“. In Halbzeit zwei dagegen wollte der Mittelfeldmann eine klare Steigerung und bessere Ballzirkulationen gesehen haben. Die beeindruckendste Zirkulation des Balles ging abermals von Antonio Grimaldo aus, für den – wie am Wochenende in Frankfurt gleich doppelt zu sehen war – direkt zu verwandelnde Freistöße derzeit eine ähnliche Aufgabe darstellen wie für Normalsterbliche die Rückgabe von Pfandflaschen. „Wunderbar“ sei Grimaldos 1:1 anzusehen gewesen, jubilierte Torwart Mark Flekken, der zudem von einem „glücklichen Punkt“ sprach. Kapitän Andrich dagegen wollte einen „verdienten“ Punktgewinn miterlebt haben, während Hjulmand einfach nur froh über Echeverris späten Ausgleich war.
Was ist Leverkusen? Für die Klärung dieser Frage würde sich für Trainer Hjulmand lohnen
Selten ist ein Trainer jedenfalls unter derart kuriosen Vorzeichen in einen neuen Job gestartet. Hjulmand ist einerseits der Nachfolger des glücklosen ten Hag und anderseits zugleich der Nachfolger des Meistertrainers Xabi Alonso. Sein erstes Königsklassenspiel verantwortete er im Kopenhagener Parken-Stadion, wo er bei der EM 2021 den Herzstillstand Christian Eriksens miterlebt hatte und 2024 mit Ovationen aus dem Job verabschiedet wurde. „Interessiert mich nicht“, sagte Hjulmand, als er nach derlei Sentimentalitäten gefragt wurde: „Sobald das Spiel beginnt, bin ich 100 Prozent fokussiert, da spüre ich nicht viel.“
Ganz anders, als das sonst der Fall zu sein scheint. Als Hjulmand als Nationaltrainer Dänemarks anfing, wollte er wissen, wie es um die dänische Seele und Identität bestellt ist. Mit angeblich 25 bis 30 Leuten aus der dänischen Gesellschaft soll er sich getroffen haben, darunter mit Premierministern, früheren Nationalcoaches, Musikern, Schauspielern oder CEOs von Großunternehmen wie Lego. Bei diesen Gesprächen sollen geradezu philosophische Fragen besprochen worden sein: Was ist Dänemark? Was können die Dänen gut und warum?
Auch in Leverkusen würden sich derlei Untersuchungen bestimmt lohnen. Aber ob dafür die Zeit bleibt? Denn Hjulmands aktuelle Grundlagenarbeit ist vor allem eines: ganz viel Arbeit.
