

An diesem Mittwoch um 11 Uhr ist Sportstunde im Landtag von Sachsen-Anhalt. Gustav Adolf „Täve“ Schur, 94 Jahre alt, erhält als einer von sieben Auszuzeichnenden aus den Händen des Ministerpräsidenten Reiner Haseloff den Verdienstorden des Landes. Es ist aber auch ein Politstück, das hier in die Verlängerung geht. Weil es eben nicht nur Schur, die Legende des DDR-Sports, gibt, den zweimaligen Friedensfahrtgewinner und Weltmeister, sondern auch Schur, den langjährigen Volkskammerabgeordneten und Apologeten des DDR-Systems. Und im Grunde geht es dabei um noch viel mehr: Wie der deutsche Sport insgesamt mit seinen Helden umgeht, wie er an sie erinnert, vor der historischen Folie der zwei Diktaturen des zwanzigsten Jahrhunderts.
Die Ehrung Schurs ist auch in Magdeburg nicht unumstritten, der Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Johannes Beleites, etwa hält sie für unpassend, weil Schur „nicht nur einfacher Mitläufer, sondern ein aktiver Träger und Unterstützer der SED-Diktatur und damit mitverantwortlich für das SED-Unrecht“ gewesen sei. Für die überwältigende Mehrheit im Landtag allerdings soll auch mit dem Orden noch nicht Schluss sein. Jüngst stimmten die Abgeordneten einem Antrag der Regierungsfraktionen von CDU, SPD und FDP zu, wonach der Landtag nicht nur die Ehrung begrüßen, sondern sich auch um die „überfällige“ Aufnahme Schurs in die „Hall of Fame“ des deutschen Sports bemühen wolle. Gegenstimmen: eine.
Ein vermeidbares Dilemma
Wie der Sportpolitik-Kalender es wollte, war jene „Hall of Fame“, die 2006 ins Leben gerufene virtuelle Ruhmeshalle, am Montag auch in Berlin ein Thema. Unter dem Dach der Bundespressekonferenz wurde darüber diskutiert, wie mit der NS-Vergangenheit einiger Mitglieder umzugehen sei, zu der es neue, belastende Erkenntnisse gegeben hatte. Das Ergebnis einer Historikerkommission, die von der Stiftung Sporthilfe als Initiatorin der „Hall of Fame“ in Auftrag gegeben worden war, lautet: historisch-kritische Betrachtung ja, Ausschluss nein.
Und so stand auch diese Frage im Raum: Mit welchen Argumenten Schur die Aufnahme verweigert werden soll, wie schon 2011 und 2017, wenn gleichzeitig Athleten und Funktionäre, die aufgrund ihrer NS-Vergangenheit belastet sind, weiter als Vorbild für den Sport in Schwarz-Rot-Gold dienen dürfen?
Das moralische Dilemma hätte der deutsche Sport sich, wenn auch nur an der Oberfläche, erspart, hätte er eine „Hall of Fame“ nach amerikanischem Vorbild geschaffen, als reine Leistungsschau. Genau das sollte sie aber nach dem Willen des langjährigen Sporthilfe-Vorsitzenden Hans Wilhelm Gäb nicht sein. Es entstand jenes Konstrukt, welches Leistung und Haltung vereinen soll, die Unmöglichkeit von Eindeutigkeit aber schon in sich trägt. Weil es immer auch um Einordnung und Bewertung geht. Und diese sich, wie auch am Montag deutlich wurde, im Verlauf der (weiteren) Geschichte ändern können.
Ausgangspunkt der nachgeholten Aufarbeitung war ein Beitrag des Filmhistorikers Armin Jäger in der „Süddeutschen Zeitung“ aus dem März 2024, in dem dieser auf die Unvollständigkeit einiger Biographien hinsichtlich der NS-Verstrickung hinwies. Die Sporthilfe beauftragte den Sporthistoriker Erik Eggers mit Überprüfung und Überarbeitung. Darüber hinaus wurde eine Kommission eingesetzt, um in 15 Fällen auch über einen Ausschluss zu diskutieren.
Der „Geburtsfehler“ der „Hall of Fame“
Die Sporthilfe machte es sich mit dem Thema also nicht leicht, wie ihr neuer Vorstand Max Hartung das am Montag sagte, was man in der kontroversen Diskussion zu spüren bekam. Eggers, der auch als freier Mitarbeiter für die F.A.Z. tätig ist, sagte, er hätte in drei Fällen für Ausschluss plädiert: den des Rudertrainers Karl Adam, des Radsportlers Gustav Kilian und des Ruder-Olympiasiegers von 1936, Gustav Schäfer. Letzterer etwa sei nicht nur NSDAP-Mitglied gewesen, sondern habe sich auch öffentlich als Unterstützer des Hitler-Regimes gezeigt. Im Gremium setzte sich aber die Ansicht durch, dass eine Tilgung der Namen ein Verdrängen der Debatte bedeuten und ein Zerrbild schaffen würde. Eine Rolle spielte aber auch, dass ein klares Instrumentarium zur Abgrenzung fehlte.
Es sei ein „Geburtsfehler“ der „Hall of Fame“ gewesen, nicht schon bei Gründung auf fundierte historische Expertise zu bauen, sagte Jutta Braun vom Potsdamer Leibniz-Zentrum. Die Frage ist nun, was daraus folgt. Für die „Hall of Fame“ als Institution. Aber auch konkret für die Aufnahme weiterer Kandidaten.
Man könne schlecht aus der Ehrenhalle eine „Hall of Shame“ machen, sagte Jutta Braun und stellte zugleich eine alte Idee neu in den Raum: aus der Ruhmeshalle begrifflich etwas anderes zu machen, einen „Erinnerungsort“, um mehr „Raum für Ambivalenz“ zu geben. So weit wird es laut Hartung kaum kommen, womöglich aber zu einer Nachschärfung des Leitbilds, das unter anderem eine „klare Haltung“ zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung, zum Fair Play, gegen Sportbetrug und Doping und zur eigenen Vergangenheit nennt.
Vor allem aber wird zu klären sein, inwieweit es sich beim Verzicht auf Konsequenzen aus der Vergangenheit vor allem um eine Art Bestandsschutz handelt oder auch um eine (implizite) Handreichung für die Zukunft. Was das bedeuten könnte, brachte der Sporthistoriker Hans Joachim Teichler mit Blick auf die Causa Schur so auf den Punkt. „Ich wäre für eine Aufnahme unter Nennung aller seiner politischen Scheußlichkeiten.“ Man darf auch das einen ziemlich großen Raum für Ambivalenz nennen.
