Sie zeichnete Verbrecher und ihre Opfer: Zum Tod von Christine Böer

Am Anfang war ein Bilderbuch für Kinder: „Die Geschichte von Helene“ (1976). Eine Puppe entkommt einem Schuttberg, der einmal ihr Zuhause war. „Eine Wolke trug sie hinunter.“ Einsam irrt ­Helene umher, sucht eine neue Heimat. Sie freundet sich mit ein paar Kindern an, spielt mit ihnen. Ein Fernsehapparat stellt sich zwischen Helene und die Kinder. „Was ist das, fernsehen?“, fragt die Puppe traurig. Die Kinder machen die Flimmerkiste aus: „Wir bauen für Helene ein Haus.“ – Die Zeichnerin Christine Böer wurde 1941 in Berlin geboren, als die Bomben fielen.

Zwei weitere Kinderbücher entstanden 1980 gemeinsam mit Tochter Florentine: „Wenn es dunkel wird im Park“ und „Ich sehe was! Siehst Du es auch?“. Es beginnt mit dem Satz „Florentine hat ein Zaubertheater mit Bildern zum Suchen.“ Und endet: „Schaut euch einmal um. Ob es bei euch auch ein Stückchen Zaubertheater gibt? Und wenn es nur in den Wolken ist.“

Christine Böer steht 2003 im Hamburger Museum für Völkerkunde vor ihrem Bild „Piazza San Marco“.
Christine Böer steht 2003 im Hamburger Museum für Völkerkunde vor ihrem Bild „Piazza San Marco“.Picture Alliance

Schon als Kind wollte sie zeichnen

Am Anfang stand eine Kunstlehrerin in Potsdam, wo Christine Böer aufwuchs. Zeitlebens erinnerte sie sich dankbar an Suse Globisch-Ahlgrimm: „In den ersten Kunstgeschichtsstunden war ich betäubt von der Schlichtheit und Ernsthaftigkeit, mit der Suse Ahlgrimm einzelne Kunstwerke erläuterte, beispielsweise die Schnitzereien von Veit Stoß oder Tilman Riemenschneider.“ Schon als Kind habe sie zeichnen wollen, sagte Christine Böer: „Ich habe im Zug Profile meiner Mitreisenden mit dem Daumen auf die beschlagenen Scheiben skizziert.“

Mit 20 Jahren verließ Christine Böer 1961, kurz vor dem Mauerbau, die DDR. In Hamburg studierte sie zwei Jahre an der Hochschule für bildende Künste, arbeitete sieben Jahre als Kostümmalerin an der Hamburgischen Staatsoper und dann weiter an Theatern. Sie unterrichtete an der Fachhochschule Hamburg in der Klasse Kostümdesign.

1984 die erste Ausstellung, im Altonaer Museum, zusammen mit einem Buch: „Darf ich Sie zeichnen? Menschen in Hamburg-Altona“. Zeichnungen und daneben schriftliche Porträts, beides aus ihrer Feder: „Kinder – wie sie spielen, wie sie sprechen.“ Oder: „Kaffeekränzchen bei Hertie.“ Szenen auf dem Fischmarkt, in der Kneipe. Beim Bürgermeister im Rathaus Altona. Auf der Reeperbahn. Der türkische Bäcker, der Segelmacher, der Chefarzt, Schuhmacher, Buchhändler. Punks. Vier Kohlenträger: „Jeder der Männer hat ihm eigentümliche Bewegungen, wie er die Last auf die Schultern nimmt, sich abstützt und den Kopf hält.“ Sie schrieb, wie sie zeichnete: schnörkellos. „Hören und Sehen – beides ergibt ein Ganzes“, sagte sie. Was auffällt: die sprechenden Augen. Man meint, diese Menschen zu kennen.

Allein die F.A.Z. veröffentlichte mehr als 40 Zeichnungen

Fortan arbeitete Christine Böer als Pressezeichnerin und Journalistin. Zunächst für die „Morgenpost“ in Hamburg und Berlin, fürs „Hamburger Abendblatt“ und für die „taz“: „Moment mal – Menschen, getroffen im Alltag“, hieß 1986 eine Serie, „Gesichter der Großstadt“ eine weitere. Zudem „Porträts Hamburger Jugendlicher“ und Berliner „Großstadtgören“.

1991 wurden im Hamburger Rathaus Christine Böers Zeichnungen aus der Welt von Drogensüchtigen gezeigt: „Mitteilungen aus der Hölle“, meinte der „Spiegel“ und stellte Christine Böers „kunstvolle Zeichnungen und die naiven Erlösungsvorstellungen der Junkies“ gegenüber. Fünf Jahre lang arbeitete Christine Böer einmal wöchentlich in der Beratungsstelle „Drob Inn“ in St. Georg, zeichnete das ­Leben von Heroinabhängigen, gemeinsam mit ihnen. 1992 erschien der Band „Auf der Kippe – gezeichnete Reportage zur Sucht“. Als die Stadt Hamburg bei Kindertagesstätten Millionen einsparen wollte, spendete Christine Böer 20.000 Mark aus dem Erlös des Buchs dem alternativen Dachverband der Kitas. Mit ihrer Spende wollte sie andere anregen, sich auch finanziell zu engagieren.

2007 im Landgericht Hannover: Die Zeichnung von Christine Bör zeigt die Urteilsverkündung im Mordfall Gaucke.
2007 im Landgericht Hannover: Die Zeichnung von Christine Bör zeigt die Urteilsverkündung im Mordfall Gaucke.Picture Alliance

Viele Zeitungen veröffentlichten ihre Zeichnungen, die F.A.Z. alleine mehr als 40. Sie zeichnete in den Prozessen gegen die Gladbecker Geiselnehmer und gegen DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker. Sie zeichnete im Prozess gegen den Kaufhauserpresser „Dagobert“ und im „Mykonos“-Prozess. Von 1995 an dokumentierte sie (gemeinsam mit dem Autor dieses Artikels) für die „Süddeutsche Zeitung“ die Prozesse gegen Mitglieder des SED-Politbüros und die Grenztruppen-Führung der DDR sowie gegen führende NVA-Generäle wegen der Erteilung von Schießbefehlen an der Grenze. Lautlos wie eine Katze kam sie mit ihrer schwarzen Tarnkappe in den Saal.

Keine Karikatur und kein Klischee

Sie begleitete den Hamburger Al-Qaida-Prozess und den Frankfurter Prozess gegen den Baulöwen Jürgen Schneider. Den früheren Bundeskanzler Helmut Kohl zeichnete Christine Böer im Untersuchungsausschuss zur CDU-Spendenaffäre wie versteinert, übermächtig herausgehoben aus der Runde der Zeugen. Sie zeichnete Jan Philipp Reemtsma im Prozess gegen seine Entführer. Ihre Gerichtszeichnungen wurden unter anderem im Hanseatischen Oberlandesgericht und im Landgericht Berlin ausgestellt. 2010 erschien ihr Band „Gezeichnete – Menschen vor Gericht“.

Christine Böer wollte die „Gezeichneten“ nicht zu Karikatur und Klischee verzerren. Die Zeichnung beinhalte Empathie und Anteilnahme, sagte sie: „Sie diffamiert nicht. Eine gute Gerichtszeichnung liefert den Angeklagten nicht reißerisch an den Pranger aus.“ Obwohl Kameras die Reportage mit Stift und Block verdrängten, machte sie weiter. Die Zeichnung habe ganz andere Möglichkeiten als das Foto, sagte sie: „Wenn der Zeichner gut ist, beobachtet er Mimik und Gestik über eine längere Zeit. Er kann weglassen. Und hervorheben, was ihm wichtig erscheint. Er kann mehrere Aspekte einer Person auf ein Bild setzen. Das alles kann das Foto nicht. Ich setze noch Zitate zu meinen Zeichnungen: Damit werden sie zu einem Psychogramm aus Worten und Strichen. Die Person mit einer schlichten Linie einzukreisen ist eine der schönsten und ehrlichsten Aufgaben überhaupt. Und es ist dem Menschen zugewandt.“

Francisco de Goya und Henri de Toulouse-Lautrec hätten sie inspiriert, sagte Christine Böer. Als Chronisten hätten sie in ihren Zeichnungen Raum für Inter­pretationen des Betrachters gelassen.

Courage war ihr wichtig

2003 stellte Christine Böer im Hamburger Völkerkunde-Museum 50 Meister der Verwandlung aus: „Paradiesvögel des Carnevale di Venezia“. Von 1994 an hatte sie jährlich die Venezianischen Metamorphosen erlebt und im Café Florian auf dem Markusplatz „die wenigen Exzentriker, die dem Karneval seinen Zauber verleihen“, gezeichnet. Echte Persönlichkeiten, „für die ein Kostüm nicht nur geborgte Hülle ist, die man mal eben überstreift, sondern eine auf den Leib komponierte zweite Haut“: Giorgio und Pino, Esmeralda und Agnese, Angelo und Francois.

Am 11. September ist Christine Böer nun in Hamburg gestorben, im Alter von 84 Jahren. Ob Gerichtszeichnung, Milieustudie oder Sozialreportage – Christine Böers Werke sind Dokumente der Zeit­geschichte, engagiert, klar, echt. Es wird Zeit, dass jemand ihren Nachlass übernimmt und zugänglich macht. Courage war ihr wichtig. Ihre Leidenschaft, ihr herzhaftes Lachen, ihre reiche Sprache, ihre Empörung über Unrecht werden fehlen. „Ich bin wie ein staunendes Kind“, sagte Christine Böer in einem Interview. Sie hat sich umgesehen und genau hingeschaut. Eine Wolke möge sie mitnehmen.