
Nach einer umfassenden Untersuchung sollen Mitglieder der ehemaligen NSDAP nicht aus der Hall of Fame des deutschen Sports ausgeschlossen werden. Die Empfehlung dazu erteilte eine Expertenkommission aus renommierten Historikerinnen und Historikern, die die Biografien von 15 Athleten geprüft hatte.
Nach der Empfehlung werde kein Ausschlussverfahren angestrebt, sagte Vorstandsmitglied der Stiftung Deutsche Sporthilfe und ehemaliger Fechter Max Hartung. Allerdings würden die Einträge in der digitalen Ruhmeshalle im Internet um die neuen Erkenntnisse ergänzt, hieß es.
Historiker forschten zu Verhalten der Sportler in der NS-Zeit
Die formale Mitgliedschaft in der NSDAP sage an sich „noch gar nichts aus“, teilte der Historiker Hans Joachim Teichler mit. Vielmehr habe die Kommission nach dem Verhalten der jeweiligen Sportler in der NS-Zeit geforscht. Die Sportler haben demnach teils die ihnen gebotenen Möglichkeiten ergriffen. „Es wäre fast übermenschliches Heldentum von einem Sportler zu verlangen, diese Angebote des Systems auszuschlagen“, sagte Teichler. Wehrmacht, SS und SA hätten sich förmlich um die Spitzensportler geprügelt.
Die Historikerin Jutta Braun, ebenfalls Mitglied der Expertenkommission, verwies auf den Bildungsauftrag der Hall of Fame. „Was ist damit gewonnen, wenn man alle ausschließt? Der Bildungsauftrag kann nur funktionieren, wenn man auch diese Fälle behält und dokumentiert“, sagte sie. Ansonsten bestünde die Gefahr, ein „verzerrtes Bild des Sports“ zu präsentieren. Sie sprach sich dafür aus, den Forschungsstand zu aktualisieren und die Biografien entsprechend zu kommentieren.
Teilweise Kritik an der Entscheidung
Der Historiker Armin Jäger kritisierte die Entscheidung indes. Er
monierte unter anderem, dass die Ruhmeshalle weiter Hall of Fame heiße. Jäger hatte mit einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom März 2024 den Anstoß für die Forschung der Expertenkommission gegeben. In dem Beitrag kritisierte Jäger, dass in einigen Mitglieder-Biografien in der Hall of
Fame deren NS-Mitgliedschaft nicht oder nur unzureichend dargestellt
sei. Die Träger der Hall of Fame (Sporthilfe, Deutscher Olympischer Sportbund und Verband Deutscher Sportjournalisten) beauftragten die Kommission daraufhin mit der Forschung. Laut Hartung könnte im Prozess der weiteren historischen Aufarbeitung
auch eine Umbenennung der Hall of Fame diskutiert werden, um dem
Leitbild der Erinnerungskultur für den deutschen Sport gerecht zu
werden.
Der Journalist und Historiker Erik Eggers, der die Untersuchung leitete, sah Argumente für einen Ausschluss von drei Mitgliedern aufgrund von Verstößen gegen die Leitlinien der Hall of Fame. Zu den untersuchten Sportlern zählen unter anderem der Radsportler Gustav
Kilian sowie die Ruderer Gustav Schäfer und Karl Adam. Zu ihnen hatte es
besonders Diskussionen gegeben. Alle drei waren Mitglieder der NSDAP, Adam und Schäfer auch in deren paramilitärischer
Kampforganisation SA.
131 Sportlerinnen und Sportler Teil der Hall of Fame
Im Zuge der Recherche war zudem eine Namensgleichheit der Stiftung Deutsche Sporthilfe mit ihrem Vorgänger aus der NS-Zeit aufgefallen. In dem Zusammenhang kam die Frage auf, ob die Stiftung sich umbenennen sollte.
Die Hall of Fame von der Stiftung Deutsche Sporthilfe war 2008 gegründet worden und soll ein „Forum der Erinnerung“ an Menschen sein, die durch ihren Erfolg im Wettkampf oder ihren Einsatz für Sport und Gesellschaft „Geschichte geschrieben haben“, heißt es auf der Homepage der Ruhmeshalle. Insgesamt gehören 131 Athletinnen und Athleten, Trainer und Funktionäre der Hall of Fame an. Im Gegensatz zu amerikanischen Vorbildern sind für die Aufnahme nicht allein sportliche Erfolge das Kriterium, sondern auch Funktionen wie eine gesellschaftliche Vorbildrolle. Für künftige Aufnahmen sind die Regeln wie ein Bekenntnis zur demokratischen Grundordnung und gegen Doping eindeutig.
