
Als Moritz Wagner zum ersten Mal nach dem EM-Sieg seiner Jungs zugeschaltet wird, sieht er aus, als hätte er mitgespielt. Er atmet schwer, trägt nur noch ein weißes, vom Schweiß durchnässtes Shirt, das Haar ist verwuschelt. „Ich bin ganz ehrlich“, sagt er, „ihr habt den Falschen eingeladen, wenn ihr jetzt ’ne Analyse braucht.“
Wagner ist TV-Experte für MagentaSport. Doch das ist nur sein Ausweichjob, denn eigentlich ist er selbst Profibasketballer, steht in der NBA bei den Orlando Magic unter Vertrag. Wegen eines Kreuzbandrisses aber kann er nicht bei der EM dabei sein, sondern sitzt Tausende Kilometer entfernt in Kalifornien vor einer Kamera. Seit Turnierbeginn kommentiert und deutet er aus der weiten Ferne, was so passiert mit seinem Team bei dieser EM.
Und wenn man erkennen möchte, was Deutschland gerade so an seiner Basketballmannschaft begeistert, was diesem Team und vielleicht auch diesen Sport so besonders macht, dann wird das deutlich, wenn man Moritz Wagner vor dem TV beobachtet.
Herzlich, unverfälscht und leidenschaftlich
Natürlich ist das vor allem auf dem Parkett zu sehen. Die Moves von Moritz‘ Bruder Franz, die Crunchtimecoolness von Dennis Schröder. Oder Isaac Bonga, der alle seine Dreier im Finale traf und zum besten Spieler des Spiels gewählt wurde. Oder Daniel Theis, der im ganzen Finale keine Punkte machte, ehe er kurz vor Schluss einen der wichtigsten Dreier des Turniers versenkte.
Aber wer von dem Sport nicht viel versteht, brauchte nur Moritz Wagner zu sehen und zu hören, um zu erkennen, wie besonders diese deutschen Basketballer sind. Denn wie sein Team ist Wagner herzlich, unverfälscht und leidenschaftlich. Alle sind ehrgeizig, aber nicht verkrampft. Unterhaltsam, aber nicht peinlich.
Wegen der Zeitverschiebung musste sich Wagner in Kalifornien manchmal den Wecker stellen, einige deutsche Spiele begannen für ihn im Morgengrauen. Nun, nach dem gewonnenen Finale hat er ein anderes Problem, dauernd klingelt sein Telefon. „Ich bin überfordert. Ich weiß nicht mal, wie viel Uhr es ist“, sagt er. Kurz darauf hält er sein Handy in die Kamera. Seine Mutter ist dran, ein Videotelefonat. Nun telefoniert sie mit Fernsehdeutschland und freut sich genauso wie ihre Söhne. So viel sympathische Anarchie ist im deutschen Fernsehen selten. Auch bei RTL, die das Finale ebenfalls übertrugen, filmt man diese herrliche Szene ab.
Das hat natürlich alles nur wenig mit Journalismus im engeren Sinne zu tun, ist aber furchtbar erfrischend.
Moritz videotelefoniert auch mit seinem Team direkt in Riga. Das hat sich, das ist für ein paar Sekunden kurz vor der Siegerehrung zu erkennen, hinter einem Handy versammelt, das Franz vor sich hält. Sie jubeln sich gegenseitig an, die Mannschaft in der Stunde ihres Triumphes im Scheinwerferlicht – und Moritz, ganz allein, ganz weit weg vor einer einzelnen Kamera. Aber doch dabei.
Er kann aber auch Experte
Kurz darauf wird Franz Wagner in Riga zur Ehrung für die besten fünf Spieler des Turniers aufs Parkett gebeten. Dabei trägt er ein Trikot seines Bruders, verkehrt herum. „Moritz“ steht auf seiner Brust. Der Magenta-Regisseur schaltet schnell – und Moritz wieder im Splitscreen zu: Von dem nur der in eine Hand gestützte Kopf zu sehen ist. Fast kippt er vor Rührung aus dem Bildausschnitt. „Ähm, ich wäre natürlich gerne da“, sagt er mit stockender Stimme, als wieder mehr von ihm zu sehen ist.
Später blödelt er im Interview mit seinem Bruder und fragt ihn, ob er ihm eine der Siegerkäppis mitbringen kann. Und immer wieder ist da dieses Moritz-Wagner-Grinsen. Gäbe es einen EM-Titel im Ausstrahlen purster Freude, Moritz Wagner hätte ihn sicher.
Er aber kann auch anders. Innerhalb von Sekunden wechselt er vom feixenden Bro zum Experten. Über den Pull-Up von Dennis Schröder, den wichtigsten Wurf des deutschen Kapitäns kurz vor dem Ende, der das Finale entschied, sagt er: „Das ist so ein bisschen wie auf dem Freiplatz. Das Gefühl, es ist nur er und der Gegner auf dem Feld. Das ist so eine Playfulness, so eine Entspanntheit.“
Playfulness, Entspanntheit. Man kommt nicht umhin, zu vermuten, dass diese große Leichtigkeit die Mannschaft nicht nur im Spiel, sondern generell auszeichnet. Eine Mannschaft, die ganz bei sich ist. Ein Team, das seinen Namen verdient hat, das sich gegenseitig pusht, aber nicht vergisst, miteinander Spaß zu haben. Eine Mannschaft, die gewinnen will, aber nie zu verbissen wirkt – und genau deswegen auch so viel gewinnt.
Am Ende der Finalübertragung sagt Wagner: „Das ist eine Medaille für alle deutschen Basketballspieler, für eine Bewegung in den letzten zehn, fünfzehn Jahren.“ Jeder, der in den Jugendverbänden oder auch bei den Frauen arbeite, könne da sehr stolz drauf sein. Viele Leute würden vergessen, wie viel Einfluss die Nationalelf auf die jüngere Generation hat. „Wir haben das Privileg, diese Früchte jetzt hier zu sehen. Sagt man das so? Aber ihr wisst, was ich meine.“
Wissen wir. Eigentlich fast ein wenig schade, dass Moritz Wagner dann bald wieder auf dem Feld steht und nicht vor einer Kamera in Kalifornien sitzt.
