Deutsche Nationalmannschaft: Kämpfen, Bolzen, Siegen

Über den Anteil des Zufalls im Fußball lässt sich lange philosophieren. Beim deutschen Tor zum 2:1 lag er deutlich über dem Normalmaß. Das fiel so: David Raum suchte mit einem Pass Maximilian Beier, der sich in den Strafraum begab. Der nordirische Tormann Bailey Peacock-Farrell verließ sein Tor, um einzugreifen. Doch beide kamen nicht dran. 

Der Ball flutschte durch zu Nadiem Amiri. Ein weiterer deutscher Fehlpass fand diesmal ausnahmsweise einen Adressaten im weißen Trikot. Für Amiri war nicht mehr nötig, als den Ball ins leere Tor zu treten. Die Fans rasteten aus. Die Spieler versammelten sich zur Jubeltraube. Der Trainer sprang ins Feld und ballte die Fäuste über diesen Treffer von bolzplatzhafter Anmutung. 

Nach der erschütternden 0:2-Niederlage in der Slowakei hatte Julian Nagelsmann mehr Leidenschaft von seinen Spielern gefordert. Qualität sei nicht mehr entscheidend, im Fußball zähle in erster Linie die Emotionalität. Rudi Völler, der Kapitän Joshua Kimmich, Teile der Medien und Fans schlossen sich an. 

Die deutsche Elf tat dann wie geheißen, in zweierlei Hinsicht. Sie rang mit Einsatz Nordirland 3:1 nieder. Aber überschäumender Spielkultur wurde sie an diesem Abend nicht verdächtig.

Der Zufall stand dem Erfolg zumindest nicht im Weg

Nach dem Ende diskutierten Reporter und Trainer, warum die Zuschauer zur Halbzeit gepfiffen hatten und ob das wirklich nötig und hilfreich war. Eigentlich wäre viel erklärungsbedürftiger gewesen, warum sie so leicht zu begeistern und enthusiasmusbereit waren, trotz der lange meist vergeblichen Versuche der deutschen Mannschaft, mit dem Ball etwas Sinnhaftes anzustellen. 

Auf die deutschen Fans kann man halt zählen. Schon beim Warmmachen bejubelten sie die Verlierer von Bratislava. Das Spiel gab ihnen früh Anlass zum völligen Losgelöstsein. In der 7. Minute prallte ein Fehlpass Nick Woltemades zu ihm zurück, dann rannte er gegen den Ball. Und weil die Nordiren übermütig weit weg vom Tor standen, konnte Serge Gnabry mit ihm durchbrennen. Chip über den Tormann. Auch hier stand der Zufall dem Erfolg zumindest nicht im Weg. 

1:0 für die Deutschen, denen die Führung in den Schoß fiel. Das half, denn Nagelsmann setzte auf Vorsicht. Er ließ gegen den 71. der Weltrangliste mit drei statt zwei Innenverteidigern ran. Das war einer der Gründe, warum vorne wenig lief und das Angriffsspiel zusammenhanglos geriet, als hätte der Trainer im Vergleich mit dem letzten Mal drei Spieler ausgetauscht. 

Nagelsmann hat sogar fünf Spieler ausgetauscht. „Die Formel 1 fährt auch nicht immer mit demselben Reifen“, begründete er später den Materialwechsel. „In meinem Denken hat es keinen Sinn, immer auf dieselben Spieler zu setzen.“ Das sei ein „superkomplexes Thema“.