Ausbilder und Kasernen: Was es für den neuen Wehrdienst braucht

Union und SPD haben sich nach langem Ringen auf einen neuen Wehrdienst geeinigt – zumindest vorerst. Doch die ei­gentliche Arbeit geht jetzt erst los. Bis 2026 muss die Bundeswehr Kapazitäten für bis zu 5000 neue Rekruten schaffen. In den Jahren darauf soll die Zahl der zusätzlichen Wehrdienstleistenden sukzessive steigen. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) strebt an, bis zum Ende des Jahrzehnts mehr als 100.000 von ihnen auszubilden. Dafür braucht es Ausbilder, Kasernen – und eine entsprechend umfangreiche Verwaltung.

Laut dem Verteidigungsministerium gibt es derzeit etwa 2000 Ausbilder in der Bundeswehr, die hauptamtlich Grundausbildungen durchführen. Eine Sprecherin teilte der F.A.Z. mit, dass man für den neuen Wehrdienst zunächst mit dem bestehenden Personal arbeiten werde. Im Laufe der Zeit soll deren Zahl mit jener der Wehrdienstleistenden wachsen.

Der neue Wehrdienst soll die Rekruten innerhalb von sechs bis 23 Monaten einsatzfähig für den sogenannten erweiterten Heimatschutz machen. „Das heißt, sie trainieren, wie man eine Kaserne, einen Hafen, einen Flugplatz sichert und kontrolliert“, erläuterte Pistorius, „wie man sich im Gefecht bei Tag und bei Nacht richtig bewegt, wie man das alleine tut, oder im Team.“ Dazu gehöre auch der Umgang mit Pistole und Gewehr – oder mit Drohnen.

„Das echte Leben in der Bundeswehr“

Nach diesem Grundmodul leisten die Rekruten noch für ein paar Wochen Dienst in einer Teilstreitkraft. Um nach den Worten des Verteidigungsministers „das echte Leben in der Bundeswehr“ kennenzulernen. „Panzerluft schnuppern, Eurofighter senkrecht in den Himmel steigen oder die Korvette durch die Wellen brechen sehen.“

Der Präsident des Bundesamts für das Personalmanagement der Bundeswehr hält dafür einen raschen Aufwuchs der Ausbilder für notwendig. Generalleutnant Robert Sieger sagte der „Neuen Osnabrücker Zeitung“, dass man bei zusätzlichen 5000 Rekruten in der Regel 500 mehr Ausbilder benötige. Bei 40.000 neuen Wehrdienstleistenden im Jahr, die nach Pistorius’ Plänen von 2031 an angestrebt werden, seien es schon 4000. „Ausbilder produziert man aber nicht über Nacht. Die Strukturen in der Bundeswehr müssen sich dann verändern.“ Klar sei auf der anderen Seite jedoch auch: „Die Ausbilder fehlen dann wieder bei der Einsatzbereitschaft.“

Ausbilder, die ausschließlich für den Wehrdienst zuständig sind, sind derzeit nicht vorgesehen. Sie leiten nach wie vor auch andere Ausbildungen und Schulungen. Es gibt keinen bestimmten Dienstrang, den ein Ausbilder haben muss, auch wenn es sich in der Regel um Offiziere und Feldwebel handelt. Sie würden in ih­ren jeweiligen Ausbildungen und Laufbahnlehrgängen „zu Führern, Erziehern und Ausbildern“ qualifiziert, heißt es vom Verteidigungsministerium. „Damit ist ein sehr großer Personalkörper potentiell in der Lage, diverse Ausbildungen und Schulungen zu übernehmen.“

Seit 2011 wurden 48 Kasernen aufgegeben

Neben Ausbildern braucht es Ausbildungsstandorte. Laut Ministerium gibt es derzeit 1500 Liegenschaften der Bundeswehr in Deutschland. Demnach wurden seit der Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2011 ganze 48 Kasernen aufgegeben, seit der Wiedervereinigung insgesamt 135 Liegenschaften.

Im jüngsten Wehrbericht für das Jahr 2024 heißt es zudem, dass Kasernen sich teilweise immer noch „in einem desaströsen Zustand“ befänden. Es gebe nach vielen Jahren, in denen eingespart worden sei, einen hohen Sanierungsstau. Die frühere Wehrbeauftragte Eva Högl (SPD) beschreibt in ihrem Bericht zahlreiche Beispiele für den Zustand der Liegenschaften: Schimmel in Stuben und Sanitärräumen, Wasserschäden oder defekte Hallentore, die zu schweren Verletzungen wie dem Verlust von Fingerkuppen geführt haben.

Ausbau der Infrastruktur soll vorangetrieben werden

Das Verteidigungsministerium gibt sich dagegen zuversichtlich: Die jetzigen Liegenschaften deckten die Kapazitäten für den neuen Wehrdienst zumindest bis ins Jahr 2026. Danach seien Ausbaumaßnahmen notwendig, insbesondere bei Unterkünften, Ausbildungsflächen, Büros oder Verpflegungs- und Betreuungseinrichtungen. „Wir werden den Ausbau der notwendigen Infrastruktur beschleunigen.“ Künftig müssten zudem zusätzliche Liegenschaften genutzt werden. Ob dafür auch ehemalige Militärstandorte reaktiviert werden müssen, wird derzeit geprüft.

Dazu kommt einiges an Verwaltung auf die Bundeswehr zu. Vom kommenden Jahr an sind alle jungen Männer verpflichtet, einen Onlinefragebogen auszufüllen, der unter anderem ihre Bereitschaft zum Wehrdienst abfragt. So sollen rund 350.000 Männer pro Jahr erreicht werden. Zuständig wird das Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr sein. Die Fragebögen müssen verarbeitet und beantwortet, mögliche nicht abgegebene Antworten identifiziert werden. Das Ministerium teilte mit, dass dafür in den kommenden Monaten „die personellen und infrastrukturellen Kapazitäten“ sowie der organisatorische Rahmen geschaffen würden. Einen genauen Plan gibt es derzeit offenbar noch nicht.

Ab dem 1. Juli 2027 wird die Musterung für junge Männer wieder Pflicht. Auch hier sind viele Fragen offen: An der genauen Ausgestaltung werde noch gear­beitet. Bis Mitte 2027 will man aber bereit sein für die verpflichtende Musterung. Seit der Aussetzung der Wehrpflicht sind die Strukturen dafür weggefallen, wie etwa die Kreiswehrersatzämter. Ersetzt wur­den sie durch die Karrierecenter der Bundeswehr, von denen es heute 15 gibt. Diese sollen auch bei den künftigen Musterungen eine wichtige Rolle spielen. Allerdings seien die Karrierecenter auf freiwillige Bewerbungen eingestellt, erklärte der Personalchef der Bundeswehr, Robert Sieger – nicht aber auf die Musterung ei­nes männlichen Jahrgangs.