Der FC Bayern München hat in dieser Saison schon 35 Spiele gewonnen und 139 Tore geschossen. Er spielt seit dem Start im August Woche für Woche so gut, dass er am Ende im Mai wahrscheinlich nicht nur den Bundesliga-Titel, sondern sogar den Bundesliga-Torrekord halten wird. Doch so gut er auch an diesem Mittwoch gegen Atalanta Bergamo wieder gespielt hat: In der Logik des führenden deutschen Fußballklubs hat diese Saison wohl nur dann die realistische Chance, als so gut gewertet zu werden, wenn in der nächsten Runde der Champions League gegen den größtmöglichen Gegner gewonnen wird. Gegen Real Madrid. Ist das sinnvoll?
Die Frage, was Erfolg eigentlich ist, wird in der Welt des Fußballs und besonders in der Welt des FC Bayern noch immer nicht gut genug diskutiert. Von Journalisten und Fans, von Vorständen und Aufsichtsräten, aber auch von Trainern und Spielern. Als der 20-jährige Tom Bischof, der seit dieser Saison in München spielt, im Januar den F.A.Z.-Fragebogen ausgefüllt hat, hat er auf die Frage, was der Sinn des Spiels sei, mit einem Wort geantwortet: „Gewinnen“.
Am Mittwochabend hat der FC Bayern mit Bischof das Achtelfinalrückspiel gegen Atalanta Bergamo 4:1 und in der Gesamtwertung damit 10:2 gewonnen. Man könnte nun darüber diskutieren, ob die eine Mannschaft so überlegen oder die andere Mannschaft so unterlegen war. So oder so lässt sich aber sagen, dass die Münchner mit dem Viertelfinale ihr Minimalziel in der Champions League erreicht haben.
Die Spiele dort sind, anders als im Achtelfinale, fast immer Fünfzig-Fünfzig-Spiele. Und trotz der Tatsache, dass das alle wissen, kann nach den 180 Minuten eine Saison, die richtig gut war, nicht mehr richtig gut sein. Nochmal: Ist das sinnvoll?
Als der 35-jährige İlkay Gündoğan kurz nach Tom Bischof den F.A.Z.-Fragebogen ausgefüllt hat, hat er auf die Frage, was der Sinn des Spiels sei, so geantwortet: „Ordnung im Chaos zu schaffen und durch Ästhetik und Erfolg Menschen zu verbinden.“ Das ist eine wunderbare Antwort, weil er auf seine Art darauf hinweist, dass es nicht nur darauf ankommt, dass man ein Spiel gewinnt, sondern auch darauf, wie man ein Spiel gewinnt.
Ästhetik oder allein Siege als Anspruch?
Mit diesem Ansatz, Ästhetik als Anspruch, kann man in der Saison des FC Bayern schon vor dem Viertelfinale einen Erfolg erkennen. In der zweiten Saison mit dem Trainer Vincent Kompany ist ein Team zu sehen, das den Zuschauerinnen und Zuschauern großen Spaß macht, weil es selbst großen Spaß hat. Daran würde sich auch nichts ändern, wenn es gegen Real Madrid nicht gewinnt und zumindest nicht zu deutlich verliert.
Und doch gibt es einen Grund, warum sie sich in München in dieser Saison mehr an der Bischof- als an der Gündoğan-Antwort orientieren müssen. Selbst für FC-Bayern-Verhältnisse ist in den vergangenen Sommern sehr viel Geld für ältere Spieler wie Harry Kane (mittlerweile 32 Jahre alt) oder Luis Díaz (29 Jahre alt) ausgegeben und damit der Druck vor solchen Fünfzig-Fünfzig-Spielen erhöht worden. Sie sollten schnell gewonnen werden, weil mit diesen Spielern eben nur noch in einem gewissen Zeitraum gewonnen werden kann.
Wer weiß, ob Kane (hat am Mittwoch das 1:0 und 2:0 geschossen) in der nächsten Saison noch so viele Tore schießen wird? Wer weiß, ob Díaz (hat am Mittwoch das 3:0 geschossen) in der nächsten Saison noch so schnell sein wird? Und im Fall von Manuel Neuer (wird in wenigen Tagen 40 Jahre alt) weiß man nicht, ob es überhaupt noch eine nächste Saison geben wird.
Ja, junge Spieler wie Aleksandar Pavlović, Michael Olise und Jamal Musiala werden in den nächsten Saisons noch besser werden. Doch in der Champions League sollte jede gute Gelegenheit genutzt werden. Und die Gelegenheit, mit dieser Mannschaft mit dieser Achse (Neuer, Tah, Kimmich, Kane) zu gewinnen, wird wohl nie wieder so gut sein wie in dieser Saison.
