Am sechsten Tag der Leichtathletik-WM in Tokio kam der Regen, und das konnte Sydney McLaughlin-Levrone nicht gefallen. Nasse Bahn, Wasser im Fahrtwind. Keine guten Voraussetzungen für einen weiteren Rekordlauf über 400 Meter. Aber natürlich rannte die Amerikanerin trotzdem los nach dem Startschuss. Wenig später war sie, die Weltrekordlerin über 400 Meter Hürden, erstmals Weltmeisterin über die flache Stadionrunde. Ihre Zeit war trotz des Regens ein neuer US-Rekord. Sie war sogar so gut, dass man sich fragen konnte, was Sydney McLaughlin-Levrone wohl bei besseren Bedingungen erreicht hätte.
47,78 Sekunden wurden für sie gestoppt. Schneller war bisher nur Marita Koch aus dem Staatsdopingsport der DDR bei ihrem Weltrekord in 47,60 Sekunden. Das war vor 40 Jahren.
In ihrem Gefolge rannten auch die Nächstbesten zu denkwürdigen Leistungen. Die zweitplatzierte Olympiasiegerin Marileidy Paulino aus der Dominikanischen Republik verbesserte ihren nationalen Rekord auf 47,98 Sekunden. Die einstige Weltmeisterin Salwa Eid Naser aus Bahrain gewann in 48,19 Sekunden Bronze. Alle Finalistinnen unterboten die Marke von 50 Sekunden.
Sydney McLaughlin-Levrone, 26, steht für die starke, aber auch etwas verdächtige Seite der Leichtathletikweltmacht USA. Die WM in Tokio ist die Erste, die sie als 400-Meter-Sprinterin bestreitet – nach Jahren der Dominanz über die 400 Meter Hürden. Und schon wieder dominierte sie im Nationalstadion in Tokio mit dieser scheinbar lässigen Selbstverständlichkeit, für die Amerikaner mal bewundert, mal gehasst werden.
Schon im Halbfinale hatte sie in 48,29 Sekunden nicht nur ihre eigene Bestzeit und die Weltjahresbestleistung verbessert, sondern auch deutlich den alten US-Rekord von Sanya Richard-Ross aus dem Jahr 2006 (48,70). In der ewigen Bestenliste schnellte sie damit auf Platz sieben. Normal war das nicht, dass sie schon vor dem Finale so schnell lief, aber das schien sich im Eifer des Wettkampfes eben so ergeben zu haben. „Die Zeit hatte ich definitiv nicht erwartet“, sagte McLaughlin-Levrone, „das zeigt, dass die Fitness da ist.“
Dass die Fitness da ist, beweist sie schon seit einer ganzen Weile. Sie stammt aus einer New Brunswicker Leichtathletikfamilie, die offensichtlich auch offen für andere Bewegungserfahrungen war. Steptanz und Ballett waren Sydney McLaughlin-Levrones Hobby als Kind. Sie glaubt, dass sie vom Tanzen bis heute profitiert, „gerade was Flexibilität und Körperbeherrschung in bestimmten Positionen angeht“.
Als Hürdenläuferin qualifizierte sie sich zum ersten Mal mit 16 für Olympia. Ihre erste WM-Medaille gewann sie 2019 in Doha, eine silberne. Danach begann eine Dominanz, die keine ihrer Gegnerinnen brechen konnte. Viermal Olympia- und dreimal WM-Gold hat sie in den Jahren danach gewonnen. Ab Juni 2021 verbesserte sie auch sechsmal den Weltrekord, zuletzt im Finale der Olympischen Spiele in Paris mit 50,38 Sekunden.
McLaughlin-Levrone gewinnt gerne, aber in ihrer Stammdisziplin drohte der Goldglanz wohl doch zur Routine zu werden. „Ich hatte das Gefühl, dass ich aus meiner Komfortzone herauskommen und mich auf eine neue Art und Weise herausfordern wollte“, sagte sie laut dem Portal Just Women’s Sports, nachdem sie Anfang August in Eugene über die Flachstrecke US-Meisterin geworden war. Die 400 Meter ohne Hürden kannte sie von ihren Staffeleinsätzen für die USA, bei denen sie vier ihrer sieben internationalen Goldmedaillen gewonnen hatte. Und von einem ersten 400-Meter-Abenteuer 2023, bei dem sie auch schon US-Meisterin wurde, aber dann verletzt die WM 2023 in Budapest verpasste. Dieses Jahr ist ihr Durchbruch als 400-Meter-Läuferin.
Schon nach dem Halbfinale kam die Frage auf, ob McLaughlin-Levrone die Frau werden könnte, die Marita Kochs uralten Weltrekord von 1985 brechen kann. Immerhin trainiert sie in Los Angeles bei Bob Kersee. Und der kennt sich aus mit der Anabolika-Ära des olympischen Kernsports. Der alte Erfolgstrainer coachte einst die früh verstorbene Sprinterin Florence Griffith-Joyner. Sie stellte 1988 in 10,49 Sekunden den 100-Meter-Weltrekord auf, der bis heute gültig ist.
Lange her. Bob Kersee hat seither noch viele andere zu großen Siegen geführt, unter anderem eben die unbezwingbare Sydney McLaughlin-Levrone. Ihre Leistung vom Donnerstag war ein Statement. Sie wird eines Tages wohl schneller laufen als 47,78 Sekunden im Regen.

