300 Journalisten entlassen: Wie Jeff Bezos die Washington Post auseinandernimmt – Medien

Schon wieder ist die legendäre Washington Post nun Objekt der Berichterstattung, und wie. Aber auch jetzt nicht, weil sie einen Scoop gelandet hat wie in den alten, den glorreichen Zeiten. Als ihre Reporter Bob Woodward und Carl Bernstein enthüllten, dass der US-Präsident Richard Nixon im Watergate-Hotel am Potomac die Demokraten ausspionieren ließ, die Geschichte endete bekanntlich mit Nixons Rücktritt. Diesmal sind da Überschriften wie diese: „Der Mord an der Washington Post“, so titelt das Magazin The Atlantic.

Gestorben ist die Zeitung noch nicht, doch dies dürfte einer ihrer dramatischsten Momente seit der Gründung im Jahr 1877 sein. Ärger gibt es seit vielen Monaten, Gerüchte über weitere Kürzungen machen seit ein paar Tagen die Runde, an diesem Mittwoch wurde Vollzug gemeldet. Da bekamen die Redaktionsmitglieder von ihrer Verlagsleitung Emails und erfuhren, ob sie weiterbeschäftigt werden oder nicht. Bei mehr als 300 der ungefähr 800 Journalisten des Hauses fiel der Bescheid negativ aus.

Die Ressorts Bücher und Sport werden ganz geschlossen, besonders ausgedünnt wird außerdem in der Außenpolitik und im Lokalen. Auch mehrere Auslandskorrespondenten müssen gehen, zum Beispiel der Bürochef in der Ukraine und die gesamte Vertretung im Nahen Osten, als seien diese Regionen unwichtig geworden. 30 Prozent der gesamten Belegschaft wird gefeuert, das ist selbst für die weltweit gebeutelte Branche ein wahnwitziger Eingriff.

Der Kahlschlag sieht aus, als hätte sich der Besitzer Jeff Bezos da an dem noch reicheren Elon Musk orientiert, der Krösus durfte als Sparkommissar für Trump ja ganze Behörden zertrümmern. Noch dazu handelt es sich hier halt um das renommierteste Medium der amerikanischen Hauptstadt, um eines der berühmtesten Blätter der Welt. Nur ist dies halt nicht mehr die Washington Post von Woodward, Bernstein, dem einstigen Chefredakteur Ben Bradlee und der furchtlosen Verlegerin Katharine Graham. Es ist die Washington Post von Jeff Bezos und William Lewis.

Bezos hatte diese Institution im Rahmen einer anderen Krise 2013 für 250 Millionen Dollar der Familie Graham abgekauft. Anfangs ging es danach wieder aufwärts, ganz besonders während der ersten Amtszeit von Donald Trump, als das Interesse des Publikums enorm wuchs und Bezos‘ Post dem Weißen Haus mutig Paroli bot. Dann pilgerte der Amazon-Gründer zu Trump nach Mar-a-Lago und saß bei seiner zweiten Amtseinführung im Januar 2025 zwischen anderen Multimilliardären ganz vorne. Damit reihte er sich in den Rest der unterwürfigen Tech-Elite ein. Die Gunst des Präsidenten scheint ihm wichtiger zu sein als aufrechter Journalismus, seine großen Geschäfte sind Versandgüter, Datenzentren und Raketen.

Statt auf starken Journalismus zu setzen, gingen die neuen Chefs an die Substanz

Seinen Verleger Lewis hatte Bezos bereits Ende 2023 verpflichtet, der Brite sollte die Post profitabler machen. Die Zahl der Abos und Klicks war zurückgegangen, viele Medien verlieren in den Tiefen des Internets Teile ihres Stammpublikums und Anzeigenkunden sowieso. Aber statt auf die journalistische Stärke zu setzen und das Angebot gleichzeitig zu erweitern wie der enorm erfolgreiche Rivale New York Times, gingen Bezos und Lewis an die Substanz und die redaktionelle Autonomie.

Die bereits fertige Wahlempfehlung für Kamala Harris ließen sie 2024 nicht erscheinen, obwohl solche Fürsprache für eine Kandidatur erstens Tradition hatte und der Gegner zweitens definitiv kein Freund der Pressefreiheit ist. Die Entscheidung, den Ratschlag für die Demokratin Harris sein zu lassen, gefiel Trump deutlich besser als der Leserschaft. Dann beschloss Bezos Anfang 2025, dass auf den Meinungsseiten nur Unterstützer von „persönlichen Freiheiten und freien Märkten“ zu Wort kommen sollen.

Persönliche Freiheiten und freie Märkten sind zwar eher nicht der Kern von Trumps Dekreten und Zöllen, aber viele Leitartikel klingen im Umgang mit dem Irrsinn aus dem Oval Office trotzdem deutlich sanfter als früher. Inzwischen macht die Post den Eindruck, als sei sie geteilt zwischen Newsroom, also den für Nachrichten und Reportagen zuständigen Ressorts, und dem Editorial Board, das kommentiert und Gastautoren auswählt. Das Ergebnis: Hunderttausende Abonnenten kündigten, mehrere der besten Schreiberinnen und Schreiber gingen.

Die Pulitzerpreisträgerin Ann Telnaes zeichnete einen Cartoon, auf dem Bezos und andere Superreiche mit Geldsäcken vor Trump und seiner langer Krawatte in die Knie gehen. Die Kolumnistin Ruth Marcus kritisierte den Eigentümer in einem Beitrag, aber weder die Karikatur noch der Text durften erscheinen. Dafür bekam Bezos Lob von Trump, und Amazon zahlte für die gerade erschienene Doku der First Lady Melania den abstrusen Preis von 40 Millionen Dollar plus 35 Millionen Dollar für die Vermarktung.

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Das alles ist dramatisch genug in diesen Monaten, in denen der US-Präsident kritische Journalisten und Medien auf Millionen bis Milliarden Dollar verklagt oder als „Fake News“ und „Feindes des Volkes“ beleidigt. Journalistinnen nannte er kürzlich „Piggy“ oder „hässlich, innen und außen“, auf der Homepage des Weißen Hauses wurde eine „Hall of Shame“ für Berichterstatter eingerichtet. Mitte Januar durchsuchten obendrein Beamte des FBI Privaträume der Post-Reporterin Hannah Natanson in Virginia und nahmen unter anderem ihr Smartphone und zwei Laptops mit. Sie interessierten sich angeblich für einen Verdächtigen, von dem Natanson Material haben soll.

Dieser klare Verstoß gegen den Informantenschutz und die Verfassung darf vermutlich auch als Zeichen der Allmacht und Warnung an andere Rechercheure verstanden werden. Aber jetzt verblasst sogar dieses schockierende Manöver, wenn man sieht, wie Bezos da seine Washington Post zerlegt. Der Chefredakteur Matt Murray, der früher das Wall Street Journal geleitet hatte, erklärt die Massentlassungen mit finanziellen Problemen und schwindendem Interesse.

Man schreibe „zu oft aus einer einzigen Perspektive für einen Teil der Leserschaft“, schrieb Murray an seine Leute, die Email kursiert im Netz. Die Post wolle sich mehr auf Bereiche konzentrieren, „die Autorität, Einzigartigkeit und Wirkung zeigen“. Er nennt unter anderem „nationale Angelegenheiten“ und „nationale Sicherheit in Washington und im Ausland“ sowie „Macht und Trends“ und „Kräfte, die die Zukunft prägen, darunter Wissenschaft, Gesundheit, Medizin, Technologie, Klima und Wirtschaft“.

Allein 2024 soll die Post 100 Millionen Dollar verloren haben

Das solle die Post in dieser „sich schnell verändernden Ära neuer Technologien und sich wandelnder Nutzergewohnheiten besser positionieren“. Allein 2024 hat die Post 100 Millionen Dollar verloren, wie das Wall Street Journal berichtete. Wobei Peter Baker von der New York Times auf X darauf hinweist, dass Jeff Bezos sein Vermögen seit dem Erwerb der Washington Post von damals 25,2 Milliarden Dollar auf heute 249,4 Milliarden Dollar gesteigert habe, das wären 224,2 Milliarden Dollar. Den Jahresverlust der Post könnte er fünf Jahre lang mit seinem jeweiligen Wochenverdienst auffangen.

Ausgerechnet Bezos hatte das Motto „Democracy dies in darkness“ auf die Titelseite setzen lassen. Lässt dieser Mann, der im Geld schwimmt, dieses Bollwerk der Demokratie jetzt am hellichten Tag eines langsamen Todes sterben? „Dies ist ein tragischer Tag für den amerikanischen Journalismus, die Stadt Washington und das ganze Land“, sagt in der New York Times Jeff Stein, Chefkorrespondent für Wirtschaft bei der Post. Er darf bleiben, trauert aber um entlassene Kollegen, sie würden „für Fehler bestraft, die sie nicht verursacht haben.“

Mit dem ehemaligen Chefredakteur Marty Baron konnte man den Niedergang dieser Zeitung schon vor etlichen Monaten trefflich besprechen, in seinen Jahren und den Anfängen von Bezos dort lief es noch wesentlich besser. „Bezos‘ widerwärtige Bemühungen, sich bei Präsident Trump einzuschmeicheln, haben einen besonders hässlichen Fleck hinterlassen“, klagt er nun auf X. „Dies ist ein Fallbeispiel für eine fast augenblickliche, selbstverschuldete Zerstörung einer Marke.“

Die Entlassungen seien „nicht unvermeidlich“, erklärt die Arbeitnehmervertretung Washington Post Guild, das Personal sei in drei Jahren um 400 Leute geschrumpft. „Eine Redaktion kann nicht ausgehöhlt werden, ohne dass dies Konsequenzen für ihre Glaubwürdigkeit, ihre Reichweite und ihre Zukunft hat.“ Wenn Jeff Bezos nicht mehr bereit sei, „in die Mission zu investieren, dann verdient die Post einen Verwalter, der dazu bereit ist.“