Fünf Minuten Nachspielzeit ordnete Schiedsrichter Felix Zwayer an, bevor er die Partie zwischen dem 1. FC Köln und Mainz 05 beenden würde. An einem gewöhnlichen Vor- oder Nachmittag sind fünf Minuten eine nichtige Zeiteinheit, aber als Verlängerung eines Fußballspiels im Abstiegskampf können fünf Minuten den Betroffenen so lang vorkommen wie der gewichtige Kinoschinken „Doktor Schiwago“, der 197 Minuten dauert. Dieser dramatische Film hat fünf Oscars erhalten, steht allerdings auch im Ruf eines intensiv wirkenden Schlafmittels. Bei der Partie in Köln-Müngersdorf ergab sich ein ähnlicher und dennoch ganz anderer Gegensatz: Als alle glaubten, der Nervenkitzel dieser aufregenden Begegnung werde in der Nachspielzeit auf einen noch höheren Höhepunkt steigen, erstarb er in einer zähen Inszenierung.
Zur Pause hatten die Kölner nach miserablem Spiel 0:1 hinten gelegen und waren von ihren Fans ausgepfiffen worden. Jetzt führten sie seit wenigen Minuten 2:1, und nichts anderes war zu erwarten, als dass die Mainzer mit der Brechstange kämen, um mit Gewalt den Ausgleich zu erzwingen. Stattdessen blieb Kölns Torwart Marvin Schwäbe der einsamste Mann im Stadion, niemand betrat mehr seinen Strafraum. Den größten Teil der fünf Minuten schaute er zu, wie seine Mitspieler die Mainzer in deren Hälfte festsetzten, indem sie den Ball an der Eckfahne fixierten. Schwäbe war begeistert: „Ich finde, wir haben’s überragend gemacht: abgezockt, clever, erwachsen.“ Die einzige Torchance in der Nachspielzeit hatten die Kölner: Saïd El Mala schoss, Daniel Batz wehrte hervorragend ab.
„Nicht ganz unverdient“ hätten die Kölner gewonnen, sagte nach der Partie der wie immer vorbildlich faire FSV-Coach Urs Fischer einen Satz, den zur Pause kaum ein Anhänger des FC für möglich gehalten hätte. Ständige Beobachter waren sich später nicht einig darüber, ob diese Halbzeit die schlechteste oder die zweitschlechteste der Saison gewesen sei. Gut war aus Kölner Sicht lediglich der Spielstand: Außer Marvin Schwäbe hatten sie es allein der Mainzer Abschlussschwäche zu verdanken, dass sie nicht höher zurücklagen. An der Diskussion über den tiefsten oder zweittiefsten Tiefpunkt der Saison hat sich Lukas Kwasniok jedoch ausdrücklich nicht beteiligt. Dem Kölner Trainer war hinterher sehr daran gelegen, Ruhe und Gelassenheit auszustrahlen, doch gegen 16.20 Uhr am Samstagnachmittag dürfte ihm schon bewusst gewesen sein, was außer für das Team und den Klub auch für ihn persönlich auf dem Spiel gestanden hatte. Der Stand seiner Reputation in Köln war zuletzt merklich gesunken.

Was tun? Kwasniok wählte die mutige Lösung, indem er energisch in die eigene Aufstellung und Systematik eingriff, und er wählte damit die richtige Lösung. Die Einwechslung von Ragnar Ache, Tom Krauß und Kristoffer Lund veränderte das Spiel und die Atmosphäre im Haus. Wo eben noch zornig gepfiffen wurde, wurden die Kölner Spieler auf einmal fanatisch angefeuert. „Das Stadion war ganz klar der spielentscheidende Faktor, wir haben zwölf gegen elf gespielt“, sagte Kwasniok rückblickend, und wenn das auch eine gezielte Schmeichelei gegenüber jenen Fans war, die ihm vor einer Woche in Heidenheim quasi offiziell den Rückhalt aufgekündigt hatten – ein gutes Stück Wahrheit war in dem Lob allemal enthalten.
Besonders mitreißende Wirkung aufs Publikum ging von den zwei Sommerzugängen aus, die Kwasniok zur Pause eingewechselt hatte und die in der bisherigen Saison noch etwas im Halbschatten gestanden hatten: Vom eingewechselten Mittelfeldspieler Krauß‚ 24, der durch jeden gewonnenen Zweikampf – und davon gab es einige – die Unterstützung auf den Tribünen steigerte. Und von Angreifer Ache, 27, der beide Tore erzielte und den Mainzern auch sonst ständig Probleme bereitete. Ache überzeugte außerdem durch neue Haarmode. Nachdem er sich die Haare gefärbt hat, ist er jetzt auf dem Kopf so blond, dass man ihn vielleicht noch nicht aus dem Weltraum, aber aus allen Blickwinkeln des Spielfeldes erkennen kann. So lässt sich der sprunggewaltige Ache für hohe Zuspiele noch besser anvisieren, was dem Belgier Alessio Castro-Montes nach 57 Minuten perfekt gelang. Dabei hatte Urs Fischer seine Leute eindringlich vor Ache und dessen Kopfballstärke gewarnt – vergeblich.
„Sehr viel“ Last sei von ihm gefallen, „sehr erlösend“ sei dieser Erfolg, sagte Ache. Achtmal hatten die Kölner bis zu diesem Samstag nicht mehr gewonnen, jetzt schaut man wieder gern auf die Tabelle, und Sportchef Thomas Kessler durfte außer der Ergebniskrise auch die Trainerkrise für beendet erklären: Der Coach habe „die richtigen Ideen gehabt, um die Missstände der ersten Halbzeit zu drehen“, sagte Kessler, „er hat gute Entscheidungen getroffen“. Lukas Kwasniok genieße „vollstes Vertrauen“.
